Als Kind wurde sie Carla Kolumna genannt, nach der neugierigen Reporterin aus der Benjamin Blümchen-Serie. Ein Spitzname, der rückblickend kaum besser hätte passen können. Heute leitet Juliane von Schwerin die Hauptabteilung Gesellschaft beim NDR, ist stellvertretende Programmdirektorin und sitzt auch im Aufsichtsrat der Hamburg Media School. Ihr Weg dorthin? Neugier und die Bereitschaft den Blickwinkel immer wieder bewusst zu wechseln.
DIGITAL- UND MEDIENMANAGEMENT / GASTGESPRÄCHE
Neugier und die Bereitschaft den Blickwinkel bewusst zu wechseln
Bei unserem Gastgespräch an der Hamburg Media School hat sie uns genau das erzählt. Kein aufgeräumter LinkedIn-Lebenslauf, sondern echte Einblicke in Entscheidungen, die sich im Nachhinein als richtig herausgestellt haben, in Krisen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erschüttert haben und in die tägliche Frage, wie man hochwertigen Journalismus macht, der möglichst viele erreicht.
Auf die Frage nach einem Karriereplan antwortet sie offen: Den gab es nie. Aber den starken Antrieb, weiterzukommen und sich weiterzuentwickeln. Nach dem Abitur Ausbildung zur Verlagskauffrau bei Gruner + Jahr - damals eines der führendsten Verlagshäuser Europas. Dann das Studium in Berlin und New York, Geschichte und vergleichende Literaturwissenschaften. Danach folgte eine nur halb ernst gemeinte Bewerbung beim NDR. „Ich wollte eigentlich im Print bleiben", sagt sie. Beim Vorstellungsgespräch für die Finalrunde hatte sie fast abgesagt. Fast. Stattdessen fing sie 1999 ein Volontariat beim NDR an und ist seitdem, 26 Jahre später, immer noch da und das sehr gerne.
Was sich wie ein glücklicher Zufall anhört, ist bei genauerem Hinsehen die Summe vieler bewusster Ja-Entscheidungen: der erste Beitrag in der Brigitte, den sie als Auszubildende schreiben durfte und der sich „ganz toll angefühlt hat". Das Praktikum bei der Goslarsche Zeitung und die Arbeit bei der Schülerzeitung waren der Weg dahin.
Beim NDR startete sie nach dem Volontariat in der Unterhaltung. wechselte zu extra 3, Zapp und Panorama. Dann sechs Jahre lang „Anne Will“, das bedeutete Pendeln zwischen Hamburg und Berlin. Hohe Politik auf der einen Seite, vier Kinder auf der anderen. „In Berlin war ich verantwortliche Redakteurin von „Anne Will“, in Hamburg Mutter."
Später fragte sie der damalige NDR-Intendant, ob sie ins Büro der Intendanz wechseln wolle. Viel Gremienarbeit, strategische Perspektive und der Blick auf die gesamte Organisation prägten ihren Alltag. Es folgte: Corona. Die wichtigste Aufgabe war plötzlich, sicherzustellen, dass die Tagesschau um 20 Uhr läuft. „Sonst verlieren die Leute den Glauben an die Gesellschaft."
Was sie aus dieser Zeit mitnimmt: die eigenen Themen und sich selber nicht so wichtig zu nehmen: „Es ist sinnvoll, wenn man in einer großen Organisation auch mal den Blick von oben hat. Schaut euch die Organisation immer von einem anderen Winkel an, denn jeder denkt, sein eigenes Projekt ist das Wichtigste."
Heute leitet Juliane von Schwerin den Programmbereich Gesellschaft beim NDR. 315 Mitarbeitende, davon 200 feste Freie. Von großen Dokumentationen wie z. B. die Geschichte des Rappers Xatar, die noch zu seinen Lebzeiten begonnen wurde über das Jugendformat STRG_F, das investigativen Journalismus für eine jüngere Zielgruppe produziert. Talk – politisch wie unterhaltend. Satire, Service, Arte und Tierfilme und Themen, die gesellschaftlichen Impact haben, wie eine neue Serie, die das Thema mentale Gesundheit bei jungen Männern aufgreift.
Sie liebt die Vielfalt des Programmbereichs: Und das sich immer alles verändert und weiterentwickelt. Heute geht z. B. viel Kraft in die Distribution: Zwei Teams kümmern sich ausschließlich darum, Inhalte dorthin zu bringen, wo die Menschen wirklich sind. Denn der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks lautet nicht nur: Inhalte bereitstellen. Er lautet auch: Menschen erreichen.
Nach dem Gespräch geht sie noch zu einer Premiere einer NDR Doku über die WM 1994: „11 Helden ein Albtraum“. „Für uns ist es wichtig, Filme vor Publikum zu zeigen und zwar mit den Macher:innen im Saal, damit wir unmittelbare Reaktionen erleben“, sagt sie. Ob Lachen, Langeweile, Betroffenheit oder Nachfragen: diese direkte Resonanz ist kein Nice-to-have, sondern das wichtigste Feedback. Journalismus, der niemanden bewegt, hat seinen Auftrag verfehlt.
Auf die Frage, was ihre Arbeit im Aufsichtsrat der Hamburg Media School bedeutet, hat Juliane von Schwerin eine klare Antwort: NDR und HMS sind aktive Partner. Eine echte Verbindung zwischen zwei Institutionen, die denselben Anspruch teilen.
Juliane von Schwerin hat uns keinen Karriereplan mitgegeben, sondern das Bild einer Karriere, die durch Neugier und Offenheit gewachsen ist, nicht durch einen starren Masterplan. Das lässt sich schwer kopieren, aber gut als Haltung mitnehmen.
