Wie findet man seinen Platz in einer Branche, die Tradition, Leidenschaft und Unternehmertum vereint? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Gastgesprächs mit Dr. Katharina zu Sayn-Wittgenstein, Geschäftsführerin Deutschland des österreichischen Auktionshauses Dorotheum.
Schon früh war für Katharina zu Sayn-Wittgenstein klar, dass sie ihre Begeisterung für Kunst zum Beruf machen wollte. Nach dem Abitur in München studierte sie Kunstgeschichte in Wien. Das zu einer Zeit, als die österreichische Hauptstadt noch ganz anders aussah als heute. Es gab noch deutlich weniger Bars und Lokale als heute, dafür überzeugte Wien schon damals mit seinem vielfältigen kulturellen Angebot, seinen Museen und Theatern. Während des Studiums sammelte sie durch zahlreiche Praktika erste Einblicke in die Branche. Besonders prägend war ihre Tätigkeit auf der renommierten Kunstmesse TEFAF, einer der wichtigsten Kunstmessen der Welt. Dort erkannte sie nicht nur, dass sie lieber im Kunsthandel als im Museumsbereich arbeiten wollte, sondern knüpfte auch Kontakte, die ihren weiteren Berufsweg entscheidend beeinflussen sollten. In einer Zeit ohne soziale Netzwerke und digitale Plattformen war persönliches Networking auf Messen von unschätzbarem Wert.
DIGITAL- UND MEDIENMANAGEMENT / GASTGESPRÄCHE
Aufbruch, Abenteuer, Auktionshaus: Dr. Katharina zu Sayn-Wittgenstein an der HMS
Ihr Berufseinstieg führte sie zu einer der damals noch seltenen Kunstberaterinnen in London. Als Assistentin erhielt sie Einblicke in die Arbeit mit bedeutenden Sammler:innen und erlebte schon früh die Dynamik des internationalen Kunstmarkts. Eine ihrer ersten Aufgaben blieb ihr besonders in Erinnerung: Bei einer Auktion durfte sie für einen Kunden auf eine historische Schiffskanone bieten – eine eigentlich sehr alltägliche Handlung im Geschäft, aber für sie ein aufregender Moment.
Ein unerwarteter Einschnitt brachte sie anschließend zurück an die Universität. Nach einer Malaria-Erkrankung während eines Kenia-Aufenthalts entschied sie sich, die Zeit für eine Promotion zu nutzen. Ihr Forschungsthema: Kaiser Maximilian II., ein bedeutender Förderer der bildenden Künste im 16. Jahrhundert. Nach Abschluss ihrer Promotion zog es sie in eine der spannendsten Phasen ihrer Karriere. Sie erhielt die Möglichkeit, für Sotheby’s nach Prag zu gehen und dort das Geschäft in Tschechien aufzubauen. Mit ihrer Zusage entschied sie sich für ein echtes Abenteuer: Sie sprach kein Tschechisch, kannte die Stadt kaum und traf auf ein Land im Umbruch. Freier Wohnraum war knapp und viele Familien vermieteten einzelne Zimmer. Auch Katharina zu Sayn-Wittgenstein zog in ein Zimmer bei einer tschechischen Familie ein und erlebte somit den Alltag dort hautnah: Um fünf Uhr morgens wurde aufgestanden, Essen gab es meistens aus Dosen und alles, was in der Stadt eröffnet wurde, galt als absolute Neuheit. Darunter beispielsweile Reinigungen. Trotz aller Herausforderungen beschreibt sie diese Zeit als eine der prägendsten ihres Berufslebens. Es herrschte Aufbruchsstimmung, der Kunstmarkt entwickelte sich rasant und nahezu alles musste neu aufgebaut werden. Besonders eindrucksvoll waren die ersten Kunstmessen und Beratungstage, bei denen das Interesse der Bevölkerung an westlichen Marktpreisen und internationalen Entwicklungen enorm war.
Später erhielt sie die Gelegenheit, in Prag ein privates Museum für den tschechischen Jugendstilkünstler Alfons Mucha aufzubauen: Das Mucha Museum. Dabei sammelte sie wertvolle Erfahrungen im Projektmanagement – inklusive kleiner Missverständnisse, die sie heute mit Humor erzählt. So bat sie einen Handwerker, die Wand hinter einem Schaufenster weiß zu streichen, damit dort später Kunst präsentiert werden könne. Als sie zurückkam, war stattdessen die gesamte Schaufensterscheibe weiß bemalt.
Nach weiteren Stationen als freie Kunstberaterin und Kolumnistin führte ihr Weg schließlich nach Hamburg. Fast 20 Jahre arbeitete sie für Sotheby’s und erlebte dort die zunehmende Digitalisierung des Kunstmarkts hautnah mit. Das Unternehmen gehörte zu den Vorreitern digitaler Innovationen und nutzte bereits früh datenbasierte Empfehlungssysteme, wie sie heute aus dem Online-Handel selbstverständlich sind. Vor fünf Jahren entschied sie sich bewusst für einen Wechsel zum traditionsreichen Auktionshaus Dorotheum. Dort fand sie die für sie ideale Verbindung aus digitaler Innovation und persönlicher Kundenbetreuung. Heute verantwortet sie als Geschäftsführerin das Deutschlandgeschäft mit Standorten in Hamburg, München und Düsseldorf.
Im zweiten Teil des Gastgesprächs richtete sich der Blick auf die Veränderungen des Kunstmarkts. Unser Gast zeigte, wie Digitalisierung, Datenbanken und soziale Medien die Branche verändert haben. Kunst sei heute zugänglicher denn je. Gleichzeitig hätten sich Trends deutlich beschleunigt und die Transparenz des Marktes zugenommen. Besonders spannend waren Einblicke in aktuelle Entwicklungen des Sammelverhaltens. Zeitgenössische Kunst habe in den vergangenen Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen, während ältere Kunstgattungen an Marktanteilen verloren hätten. Auch soziale Medien spielten mittlerweile eine zentrale Rolle - sowohl für Künstlerinnen und Künstler als auch für Auktionshäuser und Kunstmessen. Anhand verschiedener Beispiele erklärte sie außerdem, wie Kunstpreise entstehen. Faktoren wie Motiv, Format, Provenienz, Zustand, Marktfrische eines Werkes beeinflussen dessen Wert. Besonders eindrucksvoll war die Geschichte eines Gemäldes der Barockmalerin Artemisia Gentileschi, dem der Kopf der dargestellten Figur fehlte. Trotz dieser ungewöhnlichen Besonderheit erzielte das Werk ein Vielfaches seines Schätzpreises und zeigte eindrucksvoll, wie sehr Aufmerksamkeit und Marktinteresse den Kunstmarkt beeinflussen können.
Auf die Frage nach Kunst als Geldanlage antwortete sie differenziert. Zwar habe die Digitalisierung neue Investitionsmöglichkeiten geschaffen, dennoch sei Kunst kein Selbstläufer. Ihr persönliches Fazit fiel deshalb eindeutig aus: Kunst sollte man vor allem aus Leidenschaft kaufen, nicht allein in der Hoffnung auf Rendite.
Was an diesem Nachmittag besonders haften geblieben ist, war weniger eine Anleitung für den Einstieg in die Kunstbranche als vielmehr eine Haltung: offen für Chancen zu sein, Neues auszuprobieren und den eigenen Interessen zu folgen. Oder, wie Katharina Sayn-Wittgenstein es selbst formulierte: „Es ist wichtig, das zu machen, was einem Spaß macht.“
Wir danken Dr. Katharina Sayn-Wittgenstein herzlich für ihren Besuch und die spannenden Einblicke in die Welt des internationalen Kunstmarkts.
