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Von Wolfenbüttel in die Chefetage: Rainer Esser zu Gast an der HMS

von JIL WRIEDEN am 26.05.2026

Er wollte als Kind Schlosser werden, träumte als junger Mann vom Leben als Korrespondent in Rom und war schließlich 27 Jahre lang Geschäftsführer einer der bekanntesten deutschen Zeitungen. Dr. Rainer Esser, langjährig erfolgreicher CEO der ZEIT Verlagsgruppe, besuchte die HMS und erzählte den Studierenden von seinem Werdegang, der alles andere als geradlinig verlief.

Gruppenfoto mit Rainer Esser

Aufgewachsen in Wolfenbüttel, hatte Rainer Esser früh klare Vorstellungen davon, was er nicht wollte: einen bürgerlichen Weg. Der Traum, als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Rom zu arbeiten, begleitete ihn schon als Jugendlicher. Doch sein Vater hatte andere Pläne. Statt Auszeit und Selbstfindung folgte eine Ausbildung zum Bankkaufmann, die Esser mit „sehr gut" abschloss. Solide. Aber nicht das, wohin es ihn zog.

Es folgte ein Jurastudium an der Ludwig-Maximilians-Universität München, parallel lernte er Französisch, um sich für ein Stipendium am Geneva Graduate Institute zu qualifizieren. Es folgten ein Kurs an der London School of Economics und Praktika in renommierten Kanzleien in London und Paris, dazu ein Aufenthalt in Washington. Den LLM schloss er an der University of Georgia mit Auszeichnung ab, ein Praktikum bei den United Nations in New York rundete diese bemerkenswert internationale Ausbildungsphase ab. Sein Jurastudium beendete er mit Prädikat und promovierte anschließend an der Universität Regensburg magna cum laude.

Was dann folgte, war die eigentliche Weichenstellung: Parallel zu ersten Stationen als Rechtsanwalt, unter anderem bei Noerr in München und Freshfields in Hamburg, merkte er, dass die Juristerei nicht das war, was ihn wirklich packte. Mit 28 bewarb sich Rainer Esser an der Deutschen Journalistenschule in München und ergatterte einen von 15 Plätzen in einem neunmonatigen Intensivkurs. Die Kurve war genommen und die Richtung klar.

Als Rainer Esser schließlich die Geschäftsführung der ZEIT Verlagsgruppe übernahm, brachte er bereits Erfahrung als Geschäftsführer mit, zunächst beim Spotlight Verlag (heute ZEIT Sprachen) und dann bei der Mediengruppe Main-Post in Würzburg. Doch bei der ZEIT traf er 1999 auf ein Haus im Ausnahmezustand. Redaktion und Verlag agierten wie zwei verschiedene Parteien, ohne gemeinsame Sprache, ohne gemeinsames Ziel. Es herrschte eher Misstrauen, von Aufbruchsstimmung konnte keine Rede sein. Der Ansatz von Rainer Esser war kein konfrontativer: er suchte die gegenseitige Annäherung über Inhalte. Mauern einreißen, nicht durch Anweisung, sondern durch Vertrauen. „Man muss über die Inhalte kommen, um die Redakteure für sich zu gewinnen", sagte er. Dabei mischte er sich nie in die redaktionelle Arbeit ein, gab jedoch Impulse, hörte zu, nahm Ideen auf.

Das Motto für diese Aufbauarbeit war schlicht: „Einfach machen." Konkret wurde das zum Beispiel bei der Podcast-Sparte der ZEIT, heute eines der erfolgreichsten Podcast-Portfolios im deutschen Sprachraum. Auch auf TikTok ist DIE ZEIT führend. Rainer Essers Überzeugung dahinter: „Solange wir an der Spitze der Innovation stehen, wird uns nichts passieren."

Rainer Esser im Gespraech mit den Studenten des DMM

Was dabei besonders in Erinnerung bleibt, ist sein Blick auf Führung. Rainer Esser bevorzugt ausdrücklich emotionale Typen. „Die emotionalen kann man nämlich packen und begeistern", erklärte er. Ideen kämen nicht nur von oben - 1400 Mitarbeitende hätten zusammen deutlich mehr davon als jede einzelne Führungsperson. Auf die Frage, warum er nach 27 Jahren als Geschäftsführer aufgehört hat, antwortete er mit entwaffnender Selbstironie: „Ich erzähle immer, wir müssen an der Spitze der Innovation und Zukunft sein – und dann mache ich da 27 Jahre den gleichen Job. Das wirkt ja auch unglaubwürdig. Deswegen war das jetzt ein guter Zeitpunkt."

Zum Abschluss sprach Rainer Esser über Künstliche Intelligenz, differenziert, ohne Hysterie. DIE ZEIT lebt von neuen Ideen und Stilen; KI könne dort Unterstützung sein, aber kein Ersatz. Das Menschliche bleibe gerade im Journalismus entscheidend. Heute ist er Executive Advisor bei Holtzbrinck und Aufsichtsrat der ZEIT - und er bleibt Vorsitzender des Aufsichtsrates der HMS, das ist er bereits seit 2015.

Wer ihn an der HMS erlebt hat, nimmt vor allem eines mit: einen charmanten, reflektierten Redner, der mit Witz und Offenheit über Umwege, Fehler und echte Führung gesprochen hat.

Wir danken Dr. Rainer Esser herzlich für seinen Besuch und das inspirierende Gespräch!