DIGITAL- UND MEDIENMANAGEMENT / STUDIUM
Italien hat uns mehr gegeben, als wir erwartet haben
Was uns erwartet hat und was nicht.
Ehrlich gesagt hatten wir keine Ahnung, was uns erwartet. Wir wussten, dass wir Termine hatten - bei RAI, bei Mediaset, bei Google, beim Internationalen Journalismusfestival in Perugia. Was wir nicht wussten: dass die eigentliche Lektion nicht in den Konferenzräumen warten würde, sondern in der Art, wie uns Italien empfangen hat.
Überall, wirklich überall, waren wir willkommen. Nicht höflich-professionell willkommen, sondern wirklich willkommen. Menschen haben sich Zeit für uns genommen, die sie eigentlich nicht hatten. Türen wurden geöffnet, bevor wir anklopfen konnten. Gespräche, die offiziell zwanzig Minuten dauern sollten, zogen sich über Stunden. Diese Offenheit hat etwas mit uns gemacht, sie hat uns offener gemacht. Neugieriger. Empfangsbereiter für das, was kommen sollte.
Und genau das ist es, was Networking eigentlich bedeutet, nicht Visitenkarten tauschen, sondern sich wirklich einlassen. Auf Menschen, auf Perspektiven, auf Momente, die man nicht geplant hat. Italien hat uns das auf eine Weise gezeigt, die kein Seminar replizieren kann.
Und dann kam einiges.
Was uns in Mailand, Perugia und Rom auf fachlicher Ebene begegnet ist, lässt sich nicht sauber in eine Liste pressen. Aber es gibt Dinge, die hängen geblieben sind, nicht weil sie auf der Agenda standen, sondern weil sie uns überrascht haben.
Medien und Macht: Was wir als selbstverständlich hinnehmen
Zum Beispiel: wie politisch Medien sein können, ohne dass es jemanden zu überraschen scheint. Berlusconis Einfluss auf Mediaset ist in Italien kein Skandal, der aufgearbeitet werden muss, er ist Realität, mit der alle Akteure umgehen. Das hat uns nachdenklich gemacht. Nicht anklagend, sondern nachdenklich. Weil wir verstanden haben, dass wir in Deutschland vieles als selbstverständlich hinnehmen, was es gar nicht ist.
Vertraut und fremd: Europa neu entdecken
Oder wie vertraut und fremd Europa gleichzeitig sein kann. Wir sind keine zwölf Stunden geflogen. Und trotzdem: eine komplett andere Medienlandschaft, andere Regulierung, ein anderes Selbstverständnis von Journalismus. Beim Internationalen Journalismusfestival in Perugia saßen Journalist:innen aus aller Welt zusammen und stellten dieselben Fragen, aber aus so unterschiedlichen Kontexten heraus, dass die Antworten kaum vergleichbar waren. Länderübergreifende Zusammenarbeit im Journalismus ist keine Kür. Sie ist Pflicht.
Perugia: Geschichte hat viele Versionen
Perugia hat uns noch etwas anderes mitgegeben. Beim Festival wurde deutlich: Geschichte hat nicht eine Version, sie hat viele. Journalismus bedeutet, diese unterschiedlichen Versionen zusammenzubringen, ohne zu behaupten, man hätte die einzig richtige. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht. Denn dafür braucht es Neugier statt Gewissheit und die Bereitschaft, das eigene Bild immer wieder zu hinterfragen.
Ein Satz, der uns nicht losgelassen hat, kam nicht aus einem offiziellen Vortrag. Er entstand irgendwo im Rückblick unserer Gruppe: „Arroganz ist zu denken, zu wissen, wen man adressiert." Kurz und unangenehm präzise. Denn genau das passiert ständig, in Redaktionen, in Agenturen und sogar Unternehmen. Man glaubt, sein Publikum zu kennen. Man kennt es nicht. Google hat das auf ihre Art bestätigt: Wer relevant bleiben will, muss sich an der jüngsten Zielgruppe orientieren, nicht an der ältesten. Wer das umdreht, verliert.
Kreativität in Zeiten von KI: Haltung schlägt Technik
Und dann war da noch die Frage nach Kreativität in Zeiten von KI, die uns bei Dentsu, bei der RAI, bei Google auf unterschiedliche Weise begegnet ist. Die Antwort, die uns am meisten beschäftigt hat, kam von der RAI: „Creativity is a simple truth told in a surprising way." Wenn immer mehr Inhalte generiert werden können, wird die eigene Perspektive zum Alleinstellungsmerkmal. Nicht die Technik. Die Haltung.
Work with your limits, not against them
Was die RAI noch gesagt hat, klingt zunächst unspektakulär und ist es bei näherer Betrachtung überhaupt nicht: Work with your limits, not against them. Keine Organisation, keine Redaktion, kein Mensch arbeitet ohne Grenzen. Die Frage ist, ob man sie als Hindernis behandelt oder als Rahmenbedingung, innerhalb derer echte Kreativität erst entsteht. Das hat etwas verändert in der Art, wie wir über unsere eigene Arbeit nachdenken.
Bemerkenswert war dabei auch, wie selten in der Praxis über Vision und Mission gesprochen wurde, also genau das, was uns im Studium als strategisches Fundament jeder Organisation beigebracht wird. Was das bedeutet? Vielleicht, dass es weniger auf das Konzept ankommt als auf die Haltung dahinter. Und dass man bestehende Konzepte grundsätzlich hinterfragen darf, auch die, die als gesetzt gelten.
Danke Italien!
Wir fliegen als andere zurück, als wir gekommen sind. Nicht weil Italien uns auf den Kopf gestellt hätte – sondern weil es uns daran erinnert hat, dass die besten Erkenntnisse selten dort warten, wo man sie erwartet.
Wie die Reise im Detail aussah, was wir in Mailand erlebt haben, warum Perugia uns überrascht hat und was Rom mit uns gemacht hat, findet ihr in unseren Tagebucheinträgen hier auf dem Blog: „HMS goes Italy: Strategisches Networking zwischen Dom, Dachterassen und Kolosseum”
