Seit Sommer letzten Jahres entwickeln wir, die Drehbuchklasse des Filmstudiums, „Reality F*ck“, eine Dramaserie mit Thriller-Elementen über eine fiktive Reality-Show, in der ein Übergriff systematisch vertuscht wird. Begleitet werden wir dabei von der Autorin Sabine Steyer-Violet.
Vom Writers Room zur Serie - ein Erfahrungsbericht
Pitchen auf der Bühne im Cinenova Köln
Doch wie entwickelt man eigentlich eine Serie? Rückblickend wissen wir am Anfang überhaupt nicht, worauf wir uns einlassen. Wir wissen nur: Es gibt drei Serienseminare, im Sommer, Winter und Frühjahr, und wir sollen gemeinsam ein Konzept für eine Serie entwickeln. Dafür bringen wir zunächst zwei Ideen mit. Wir merken allerdings schnell, dass keine davon eine ganze Serie trägt und überlegen neu. Und nach drei Tagen, in denen wir lernen, was es bedeutet, gemeinsam in einem Writers Room eine Serie zu entwickeln, ist „Reality F*ck“ geboren.
Wir merken auch relativ schnell, dass der Aufbau eines Writers Rooms sehr wichtig ist. Denn ohne Headautor:in ist es wahnsinnig schwierig, Entscheidungen zu treffen. Also ernennen wir Hannah Horsten zu unserer Headautorin und mit einer Person, die Entscheidungen trifft, geht es voran. Wir diskutieren über Setting, Hauptfiguren und die dramatische Frage.
Bis zum Winter erstellen wir ein erstes Exposé mit Logline und Figurenbeschreibungen, das wir mit Sabine besprechen. Im Winterseminar geht es dann vor allem ums Plotten. Immer wieder hängen wir an unserer Hauptfigur fest, können nicht richtig an sie anknüpfen. Gleichzeitig wird uns aber immer klarer, was wir mit der Serie erzählen wollen.
Wir entwickeln die Welt unserer fiktiven Dating-Show vor und hinter den Kulissen. Sie soll besonders authentisch sein. Authentizität. Ein Wort, das uns durch die gesamte Entwicklung begleitet. Wir fragen uns: Wie authentisch kann etwas sein, das vor einer Kamera passiert? Und wie erzählen wir Figuren, deren Geschichten genau mit diesem Widerspruch zusammenhängen? Vor allem aber: Trägt das alles über sechs Folgen à 50 Minuten?
Im Frühjahr entsteht unser erstes Pitchpapier. Dazwischen sitzen wir zahlreiche Tage zusammen, plotten weiter, definieren Figuren und legen den Hauptstrang der Handlung fest. Dabei merken wir immer wieder: Nichts ist fest. Figuren werden neu gedacht, Dynamiken verändert, Handlungsstränge umgebaut.
Gar nicht so einfach, vier Stränge multiperspektivisch miteinander zu verweben. Auch nach dem Seminarblock setzen wir uns deshalb jeden Freitag zusammen. Denn eins ist klar: Wir glauben alle an diese Geschichte. Das überrascht uns zugegebenermaßen selbst ein bisschen. Wir sechs schreiben normalerweise sehr unterschiedliche Stoffe und hatten am Anfang nicht unbedingt damit gerechnet, alle so überzeugt von einer Idee zu sein. Auch unsere Hauptfigur haben wir mittlerweile geknackt.
Und dann teilt uns Sabine die große Überraschung mit: Wir dürfen auf dem Seriencamp in Köln pitchen.
Moderationskarten für den Pitch vorbereiten
Da sind wir also, fast ein Jahr später. Wir haben gelernt, wie man eine Serie entwickelt. Jetzt fehlt nur noch ein Pitchdeck, das wir interessierten Produktionsfirmen vorlegen können. Wieder fließt eine Menge Arbeit hinein. Bis wir tatsächlich im Zug nach Köln sitzen. Der Saal des Cinenova ist gefüllt mit Menschen aus der Filmbranche. Als wir an der Reihe sind, läuft zunächst unser Mood-Trailer: Ein Zusammenschnitt aus Reality-Show-Momenten echter Shows, um den Vibe unserer Fake-Show zu transportieren. Dann pitchen Veronika Hertlein und Tatjana Standky, natürlich mit unseren bestickten „Reality F*ck“-Caps auf dem Kopf, unseren Stoff. Fünf Minuten später gibt es Applaus, danach lockere Gespräche.
Euphorisiert vom Tag geht es danach Crepes essen
Wieder in Hamburg besprechen wir mit Sabine das weitere Vorgehen. Aus dem Pitch hat sich leider keine direkte Zusammenarbeit ergeben. Also heißt es jetzt: Produktionsfirmen anschreiben und hoffen, dass sich all unsere Arbeit auszahlt.
Ob aus „Reality F*ck“ tatsächlich eine Serie wird, wissen wir noch nicht. Aber wir wissen jetzt, wie es ist, ein Jahr lang gemeinsam an einer Geschichte zu arbeiten. Und sind bereit für viele weitere Projekte im Writers Room. Wir, das sind Anna Leah Bolln, Veronika Hertlein, Hannah Horsten, Nadja Konetzki, Barbara T. Odendahl und Tatjana Standky.
