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WEITERBILDUNG / MEDIA INNOVATION PROGRAM

"Und Zuhause der Krieg: Statt Werbung laufen Nachrichten, um Bürger zu informieren"

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Andrii Ivakhov kommt aus der Ukraine. An der HMS hat er die Weiterbildung „Digitale Medien für geflüchtete Medienschaffende“ durchlaufen. Heute schreibt er, was der Krieg für ihn bedeutet und berichtet, wie wichtig kritischer Journalismus ist. Außerdem formuliert er einen Appell an deutsche Medien.

Der Morgen des 24. Februar brachte mir die schreckliche Gewissheit, die sich bereits in den Tagen zuvor angekündigt hatte. Die russische Armee attackierte mein Heimatland und zwar allumfassend, von Norden, Osten und Süden. Auch wenn die Ukraine bereits seit 2014 gegen Putins Truppen und Marionetten im Donbass kämpfen musste, stellen die Ereignisse der letzten 22 Tage die bereits schlimmen vorigen acht Jahre weit in den Schatten. Auch wenn wir Menschen aus der Ukraine bereits an das Sterben und Leid unserer Mitbürger*innen und Soldat*innen im Osten des Landes in gewisser Weise gewohnt waren, ist der jetzige Krieg einer, der alle Menschen in der Ukraine betrifft.

Krieg führt wichtige Rolle journalistischer Arbeit vor Augen


Russische Raketen und Bomben fallen in praktisch allen Regionen, Millionen von Menschen sind auf der Flucht und das öffentliche Leben ist vielerorts zusammengebrochen. Ich selbst hatte nach einer Weiterbildung an der Hamburg Media School 2017 verschiedene Jobs und arbeite mittlerweile als Busfahrer in einer norddeutschen Kleinstadt. Meinem Medieninteresse konnte ich in letzter Zeit nur in der Freizeit nachgehen, doch der aktuelle Krieg führt mir die unglaublich wichtige Rolle meiner einstigen Arbeit beim ukrainischen Fernsehen wieder vor Augen.

In der Ukraine gab es vor dem Krieg eine sehr lebendige und pluralistische Medienlandschaft, die jedoch in vielerlei Hinsicht durch verschiedene Oligarchen geprägt waren, die als Besitzer von Fernsehkanälen oder Mediaholdings Einfluss auf die Berichterstattung nahmen. Die Talkshows und Investigativ-Recherchen vieler Kanäle dienten nur als verlängerte Arm der politischen Auseinandersetzung im Land. Staatliche oder öffentlich-rechtliche Angebote fristeten durch Unterfinanzierung jahrelang ein Schattendasein und konnten erst in den letzten Jahren durch Reformen eine stabile und unabhängige Grundlage für Berichterstattung erhalten.

Alle TV- und Radiokanäle liefern gemeinsames Programm für verifizierte Nachrichten


Mit dem ersten Tag des Krieges geschah in der Medienlandschaft etwas Unerwartetes, was jedoch im Großen und Ganzen nur die Reaktion der ukrainischen Gesellschaft als Ganzes widerspiegelt. Praktisch alle Fernsehkanäle und auch Radiostationen eigentlich verfeindeter politischer Interessengruppen schlossen sich zusammen, um ein gemeinsames Programm zu liefern, bei welchem sich im Zweistundentakt Journalistinnen und Journalisten der jeweiligen Studios ablösen, um den Bürger einheitliche Nachrichten aus verifizierten offiziellen Quellen zu senden. Jegliche Werbung und Unterhaltungsprogramme wurden gestoppt und dafür eine Liveschaltung rund um die Uhr eingerichtet, die teils aus dem Studio, teils aus der Parkgarage als Luftschutzbunker und durch das große Reporternetzwerk aller Kanäle aus dem ganzen Land berichtet.

Den ukrainischen Verteidigern gelang es so, die Informationshoheit über das Geschehen zu erlangen, indem durch Telegram-Kanäle Livebilder des Geschehen und Verluste der russischen Armee visuell dokumentiert wurden. Da in Russland selbst eine starke Zensur herrscht, dominieren so ukrainische Nachrichten auch die Facebook-, Twitter und Instagram-Feeds vieler Nutzer im russischsprachigen Ausland. Die russischen Angriffe richten sich deshalb nun verstärkt gegen die ukrainische Informationsinfrastruktur. So wurden die Fernsehtürme in Kyijw und Riwne mit Raketen beschossen und Mobilfunkmasten in von Russland besetzen Gebieten zerstört, um den Menschen von Informationen abzuschneiden.

Bekannter Journalist berichtet nun als Soldat von der Front


Ein guter Bekannter von mir, der selbst beim Fernsehen arbeitete, hat sich nun für die Armee gemeldet und berichtet gleichzeitig durch Posts und kurze Videos von der Front. Diese Bilder wirken für das deutsche Publikum wohl verstörend, da sie unzensiert zerstörtes oder brennendes russisches Kriegsgerät zeigen, die brutale Ermordung ukrainischer Zivilisten oder Leichen und Gefangene der russischen Truppen.

Die Berichterstattung in Deutschland im Gegensatz hierzu wirkt auf mich zeitweise altbacken und Talkshowrunden sind immer noch um einen Ausgleich bemüht, welcher in der aktuellen Situation meiner Meinung nach keinen Platz hat. Es hat keinen Mehrwert offizielle russische Erklärungen über die Schonung ziviler Ziele zu zitieren, wenn gleichzeitig massenweise Videos und Augenzeugenberichte von Wohnviertelbeschuss und der Zerstörung von Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten existieren. Stattdessen sollten die Verbrechen und ihre schrecklichen Auswirkungen dokumentiert und sichtbar gemacht werden. Natürlich ist es verständlich, wenn deutsche Reporter lieber aus der sicheren Städten in der Westukraine berichten, doch wäre es ebenso leicht Social-Media-Content auszuwerten und zu verifizieren und in der Berichterstattung zu verwenden, ebenso wie ukrainischen Expertinnen und Journalisten in Liveschalten zu Wort kommen zu lassen.

Appell an deutsche Medien


Die Behauptungen „Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst“ oder „Es gibt immer zwei Sichtweisen“ sind in der aktuellen Situation eine Ausrede vieler Personen, denn es gibt im Gegensatz zu früheren Kriegen viele Informationen und visuelle Beweise, die durch internationale Projekte wie Bellingcat oder CIT eingeordnet und verifiziert werden. Auch deutsche Medien sollten sich verstärkt die Mühe machen, die vorhandenen aktuellen Informationen zu nutzen und in die Berichterstattung einfließen zu lassen.