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STUDIUM / GÄSTE

„Familienunternehmen - das ist was ganz doll schönes.“

von JUDITH CREMER am 24.10.2014

In einem Familienunternehmen zu arbeiten erfordert besonderes Gespür. Schwierige Prozesse wie die kompromisslose Digitalisierung werden anders umgesetzt als von Fremdmanagern - das kann Lust aber auch Leid an der Arbeit bedeuten. Warum es dennoch beglückend ist, zu wissen, für wen man arbeitet, erklärten Senior und Junior Delius beim Gastgespräch an der HMS.
Delius 1

Das Fenster machen wir mal zu!

Der Raum 210 ist proppen voll. Um 17 Uhr sollte es Los gehen, um 16:57 wurden noch die letzten Stühle aus den Nachbarräumen von einigen Studenten reingetragen. Die Augen der beiden Jahrgänge sind auf Konrad Delius und seinen Sohn, Ludwig Delius gerichtet. Ganz unter dem Thema „Die Herausforderung heute für einen mittelständischen Verlag“ gab uns Konrad Delius erst mal einen Überblick über die Geschichte des Verlagshauses. Hier die Eckdaten:

- Gründung: 1911 von Konrad Delius, dem Großvater des heutigen Verlegers und seinem Schwiegervater Johannes Klasing in Berlin
- Schon damals Special Interest Verlag
- 1982 kam Konrad Delius, der heutige Geschäftsführer in das lupenreine Familienunternehmen
- Nach dem Krieg: Wiederaufbau in Bielefeld- Ca. 200 Mitarbeiter

Heute ist der Delius-Klasing Verlag der Marktführer im Bereich Special Interest Zeitschriften rund um die Themen Wassersport, Auto und Fahrrad. Die Eckdaten sind ja schön und gut aber uns wirklich unter den Nägeln brennt sind Fragen wie: “Die Auflagen gehen zurück, die Anzeigenpreise auch, wie lukrativ ist das Geschäft als Verlag noch?“
Delius 2

"Man ist mit dem Unternehmen verheiratet"

Als könnte Herr Delius Senior, wie wir Konrad Delius in der späteren Fragerunde ansprechen, Gedanken lesen, sagt er: „Es gibt kein Patentrezept, wie sich ein Verleger der Digitalisierung stellen kann.“ Vielmehr berichtet er weiter, sei ihm eines Tages 2011 einfach der „Kragen geplatzt“. Es folgte eine zweijährige Umstrukturierung im Verlag. Der Change Prozess hat „sehr viel Geld gekostet und es waren zwei schwierige Jahre für uns“, berichtet Herr Delius Senior weiter. Die Marketingabteilungen wurden direkt an die Redaktionen angeschlossen. Das Ziel war es, Print und Online zu vermischen.

„Die Menschen müssen beides denken: Sie müssen den Printbereich aber auch den digitalen Bereich inhalieren. Dieses Doppeldenken veränderte die ganze Mentalität im Verlag und stellte uns vor eine enorme Herausforderung. Heute sind wir nicht mehr nur ein Verlag – wir sind ein Medienhaus“.

Das sind genau die Denkansätze, mit denen unsere Generation aufwächst und die wir teilen.
Der Delius-Klasing Verlag hat sich in dem Change Prozess so neu organisiert, dass Chefredakteure nicht nur Chef ihrer Zeitschrift sind, sondern diese Zeitschrift als „Marke/Brand“ gesehen wird. Es wird ein Ziel, in Form eines fixen Deckungsbeitrags festgelegt, und der Chefredakteur kann die 360 Grad Vermarktung des Verlags... entschuldigt Medienhauses Delius-Klasing nutzen, um diesen Deckungsbeitrag zu erwirtschaften. Die 360 Grad Vermarktung beinhaltet die Vermarktung der Brand, sagen wir mal „YACHT“ als Zeitschrift, im Corporate Publishing, auf Events, im Online Bereich und bei Büchern.

Zum Beispiel:
Wenn du jetzt Chefredakteur der YACHT wärst und das Ziel wäre, sagen wir mal, dass du am Ende des Jahres den Deckungsbeitrag der Summe x erwirtschaften musst, dann ist dir überlassen, wie du das machst. Bemerkst du beispielsweise, dass das Anzeigengeschäft in der Zeitung dieses Jahr nicht gut läuft oder einfach weniger Auflagen verkauft werden, kannst du dieses Minus ausgleichen, indem du im e-Commerce die Summe wieder reinholst. Klingt fair oder?

Des Weiteren sagt Herr Delius Senior, dass man alle Marken zielgruppenorientiert betrachten und auf den verschiedenen Kommunikationskanälen bedienen soll. Der Kunde wird also individuell angesprochen und da abgeholt, wo er sucht.Das Wichtigste, um diese 360 Grad Vermarktung erfolgreich zu gestalten, sei, dass sich die „mentale Schiene“ im Betrieb ändert, sprich, dass Umdenken in diese „digitale Welt“ war, und ist die größte Herausforderung. „Heute, zwei Jahre später, kriegen wir das aber echt gut hin“, schließt Delius Senior seinen spannenden Vortrag und übergibt an seinen Sohn Ludwig Delius, der als Digital Manager im Medienhaus tätig ist. Herr Delius Junior war selber von 2010 – 2012 an der Hamburg Media School und hat hier seinen MBA in Medienmanagement gemacht. Er beschreibt Gaming, Social Media und Bewegbild als Kernkomponenten des digitalen Marktes. Das Ziel ist, dass der prozentuale Anteil des digitalen Bereiches größer wird. Zwei weitere Punkte, wo wir unsere Gedanken und Meinungen wiederfinden, ist, als Herr Delius Junior erklärt, dass es zwei wesentliche Aspekte gibt, die man im digitalen Bereich beachten muss:

- die zunehmende Konvergenz der Medien und die dadurch wachsende Macht Googles
- die Kannibalisierung der Geschäftsmodelle der Verlags/Medienhäuser durch rasant wachsende Unternehmen wie Amazon

In der sich daraus ergebenden Diskussion ging es um die Leistungsschutzdebatte, Investitionen in Start-ups und App Entwicklung. Ein Punkt, der in der Runde Lachen auslöst, war, als Herr Delius Junior verwundert und belustigt zugleich erzählt, dass es keine Datenbankarchievierung gab, als er Ende 2013 in das Familienunternehmen einstieg. Keine Sicherung von Daten? Für uns unvorstellbar aber früher wurde alles nach einem Jahr überschrieben. Beendet wurden diese eineinhalb Stunden mit der Frage, wie es denn so ist, ein Familienunternehmen zu haben und ob man manchmal „neidisch“ auf die großen Konzerne wäre, die „herzlose“ Entscheidungen treffen können, weil sie „nur“ angestellt sind.
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Das abschließende Gruppenfoto mit den beiden Medienmanagement Jahrgängen

Herr Delius Senior lehnt sich im Stuhl zurück, lächelt und sagt als Erstes: “Ein Familienunternehmen zu haben ist was ganz doll schönes. Es gibt viele Nachteile aber es gibt auch mindestens genau so viele Vorteile. Der Kern der Sache ist, dass eine Familie dahinter steht. Man kann sich nicht so einfach verabschieden. Die Verantwortung ist da, weil eine Familie direkt dahinter steht. Wir sind mit dem Unternehmen komplett verheiratet, das kann man als Vorteil sehen aber natürlich auch als Nachteil.“Ein Lächeln geht durch die Runde und das erste Gastgespräch ist vorbei.

Wir bedanken uns für das tolle erste Gastgespräch, welches zeigt, dass man als Verlag bzw. Medienhaus nicht zwangsläufig durch den Verkauf von Tiernahrung sich der Digitalisierung strategisch stellen kann.