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Fünf Fragen an Sham Jaff

von KRISTINA KABA am 30.09.2021

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Sham Jaff ist Journalistin und Politikwissenschaftlerin aus Berlin. Sie schreibt seit 2014 den englischsprachigen Newsletter „What happened last week“. Darin kuratiert und bereitet sie die wichtigsten internationalen Nachrichten primär aus Afrika, Asien und Lateinamerika für ihre Leserschaft (mehr als 14.000 Abonnent*innen) aus über 100 Ländern auf. Sie moderiert, redigiert und produziert unter anderem auch viele Podcasts. 2021 gewann Sham Jaff für ihren Podcast "190220 – Ein Jahr nach Hanau" den Grimme Online Award. Ihr anderer Podcast “Wir schaffen das – Ein Satz, der Deutschland veränderte” wurde im selben Jahr für den CIVIS Audio Medienpreis nominiert.

Wie bist du dazu gekommen, einen wöchentlichen Newsletter herauszugeben?

Ich war schon immer die „Politik-Erklärerin“ in meinem Familien- und Freundeskreis. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, komplexe politische Entwicklungen auf eine einfache Art und Weise zu erklären. Also startete ich zu Beginn meines Bachelor-Studiums der Politikwissenschaft einen persönlichen Blog, den ich regelmäßig updatete. Dort wollte ich ihre Fragen schriftlich beantworten. Aber der Blog war auch sehr hilfreich für mich als Studentin. Dort hielt ich sozusagen meine eigenen „Aha!“-Momente während des Studiums fest sowie kommentierte und erklärte die größten Nachrichten aus aller Welt auf eine einfache und unterhaltsame Art und Weise. Dieser Blog wurde dann irgendwann zu einem wöchentlichen Newsletter.

Dein Newsletter berichtet über die News der vergangenen Woche - wonach wählst du deine Themen aus und wer sind deine Leser*innen?


Ich fokussiere mich thematisch auf unterberichtete Nachrichten aus Asien, Afrika und Südamerika. Denn diese Kontinente sind im sogenannten Westen medial sehr stark unterrepräsentiert. Und wenn sie doch mal thematisiert werden, dann eher oberflächlich oder aus einer sehr westlichen Sicht. Daher habe ich etliche Nachrichtenangebote aus aller Welt zu meinem täglichen Nachrichtenkonsum integriert. Neben ZEIT ONLINE lese ich beispielsweise auch South China Morning Post oder El Espectador. Da passiert es sehr häufig, dass viele wichtige Themen in Afrika, Asien oder Südamerika hierzulande kaum beachtet werden. Sie haben jedoch globale Relevanz oder erweitern unseren Horizont, schaffen manchmal sogar alteingesessene Vorurteile und Stereotypen ab, wenn wir uns mehr mit diesen Regionen und ihren Themen beschäftigen.

Meine Leser*innenschaft hat genau dieses Bedürfnis nach einem globalen Blick für sich identifiziert. Sie ist mehrheitlich jung, sehr gebildet und sehr nachrichtenaffin und möchte über den Tellerrand hinausblicken.

Seit sieben Jahren gibt es „What happened last week“ schon – damals waren Newsletter noch neu, heute sind sie ein Must-have. Warum sind Newsletter heute relevanter denn je?


Wie gesagt, der Newsletter ist aus einem persönlichen Blog entstanden. 2014 hatte sich für mich bereits abgezeichnet, dass persönliche Blogs langfristig an Popularität verlieren. Gleichzeitig habe ich beobachtet, dass die Algorithmen der sozialen Medien einen immensen Einfluss auf die Verbreitung und Priorisierung von Inhalten dort hatten. Das war mir alles zu riskant. Schließlich wollte ich ja mein Publikum, das ich bis dahin aufgebaut hatte, behalten. Daher habe ich mich dazu entschieden, den „Oldschool“-Weg des Newsletters zu gehen. Das kritisierten viele Menschen. Manche schmunzelten auch darüber. Aber ich dachte mir nur: E-Mails schreiben und lesen die meisten Menschen jeden Tag. Wieso den Blog nicht direkt in die Posteingänge schicken? Das Format Newsletter ist auch nicht meine Erfindung; es ist die älteste Innovation des digitalen Journalismus.

Du gibst mit deinen Formaten, wie dem Podcast „190220 – ein Jahr nach Hanau“ oder „Wir schaffen das – Ein Satz, der Deutschland veränderte“, Menschen eine Stimme, über die oft nicht mehr geredet wird. Was bewegt dich dazu, solche Themen zu wählen?


Ich bin mit neun Jahren aus Kurdistan nach Deutschland gekommen. Lange Zeit gehörte ich also selbst zu der Gruppe von Menschen, über die im Fernsehen und in den Zeitschriften nicht geredet wurde. Das Leben in Deutschland, so wie es in den Medien gezeigt wurde, sah nicht aus wie das Leben, das meine Familie, meine Freund*innen und ich in Deutschland hatten. Das Bild, das der Journalismus malte, war leider nicht vollständig. Das führte dazu, dass sich viele Vorurteile und Stereotypen bis heute in den Alltag vieler Menschen eingeschlichen und sogar verfestigt haben. Sie arbeiten wir jedoch weder in der Schule noch im Berufsleben gezielt ab. Also mussten es die Medienschaffenden besser machen, war meine Überzeugung. Daher entschied ich mich während des Studiums, mir das Handwerk einer Journalistin selbst beizubringen – angefangen mit einem eigenen Blog und unzähligen Stunden unbezahlter redaktioneller und journalistischer Arbeit. Die Journalist*innenschule kam aus finanziellen Gründen leider nicht infrage. Heute bin ich sehr glücklich darüber, an solchen Formaten und Projekten mitarbeiten zu dürfen. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur mithilfe von Wissen und Empathie ein besseres Miteinander gestalten können.

Du berätst die Teilnehmenden des JIP als Coach - beende bitte den Satz: Ich bin der perfekte Coach für Fellows, die …


...es lieben, „und warum nicht?“ zu sagen und den Journalismus so auf den Kopf stellen möchten.