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FILM

Interview mit dem Team vom Film „Tage der Flucht"

von ANNA LEAH BOLLN am 14.04.2026

5 Drehtage in Laube, Stahlwerk und Stasi-Gefängnis - Das Team vom Kurzfilm „Tage der Flucht” erzählt eine DDR-Fluchtgeschichte. Entstanden ist ein 10-minütiger, atmosphärisch dichter Film, der nur mit Hilfe von etlichen Unterstützer:innen entstehen konnte. Der Film feiert Ende April seine internationale Premiere auf dem ÉCU Film Festival in Paris.

DDR, 1985. Unter ständiger Gefahr aufzufliegen und ohne die Möglichkeit, sich richtig zu verabschieden, plant das junge Liebespaar Kathi und Ina die Flucht in den Westen. Auf der Flucht zerbricht jedoch ihr Plan: Im Fluchtauto ist nur Platz für eine von ihnen. Was als gemeinsame Flucht beginnt, wird zur Zerreißprobe für das Paar.

Drehbuchautorin Veronika Hertlein, Regisseur Björn Grzemba, Creative Producer Oktavio Port und Kameramann Erik Heinowski geben uns Einblicke in ihre Arbeit.

Collage Dreh

Kernteam von „Tage der Flucht"

Was war die größte Herausforderung beim Schreiben eines historischen Stoffes und wie bist du bei der Recherche vorgegangen?

Veronika Hertlein - Drehbuch: Die größte Herausforderung war vermutlich, sich in das Leben in einer Diktatur hineinzufühlen und vor allem die Flucht emotional zu verstehen. Wir hatten zwar viele Interviewpartner:innen, die uns über ihre Flucht oder Fluchthilfe berichtet haben, aber die Ereignisse sind über 40 Jahre her und natürlich verändert sich Erinnerung auch. Was bedeutet es also für zwei junge Frauen, alles zurückzulassen und eine gefährliche Flucht anzutreten?

In meiner persönlichen Recherche, bevor das Team dazu kam, habe ich Gespräche mit Familie und Freunden geführt, die die DDR erlebt haben. Dann habe ich zuerst allgemein zur Flucht aus der DDR recherchiert und mich auf die Flucht im PKW festgelegt. Und so ging es Schritt für Schritt: Allgemeine Recherche, dann ein realistisches Szenario festlegen und das genauer recherchieren. Wer hat Menschen im PKW in den Westen geschmuggelt, wie, in welchen Fahrzeugen... Als Team haben wir dann außerdem Interviewpartner:innen gesucht, die uns ihre persönlichen Erfahrungen berichten konnten und uns an Museen und Forschungsstätten gewendet.

Wie beeinflusst die historische Zeit den Umgang mit Dialogen, Sprache oder Figurenentwicklung?

Was die Sprache angeht, habe ich versucht Dialoge zu schreiben, die ein Stück weit zeitlos sind, da mein Fokus auf der Emotionalität des Stoffes lag. Die Figuren sind natürlich von ihrem Umfeld geprägt, daher floss ein großer Teil der Recherche auch da rein. Die gesamte Backstory der Figuren ist ja von ihrem Aufwachsen und Leben in der DDR geprägt und den Strukturen, die damit einhergehen. Ich fand es total spannend mich darauf einzulassen und mir vorzustellen, wie die Figuren geprägt worden sind - in einer Zeit und in einem Land, das ich ja gar nicht kenne.

Darstellerinnen

Die beiden Hauptdarstellerinnen in Action

Wie hast du dich auf die Inszenierung einer Zeit vorbereitet, die du selbst nie erlebt hast und wie hast du die richtige Balance zwischen historischer Genauigkeit und filmischer Freiheit gefunden?

Björn Grzemba - Regie: Um meinen Zugang zu dem Thema zu finden, waren Interviews mit Zeitzeug:innen besonders wichtig. Ich bin allen dankbar, die mit uns persönliche Einblicke in ihre Fluchtmotive, ihre Erfahrungen mit Repressalien, die Rollenbilder der Zeit und den Alltag in der DDR geteilt haben. Was bedeutete es, die Familie zurückzulassen? Selbst in den 80ern war eine mögliche Öffnung der Mauer ja unabsehbar, und viele rechneten bei einer Flucht damit, ihre Familien für mindestens 20 Jahre nicht wiedersehen zu können. Besonders wichtig war mir, im Film ein möglichst ambivalentes Bild der DDR zu zeichnen, wie ich es auch durch die Interviews erfahren habe.

Obwohl wir versucht haben, die Vergangenheit möglichst originalgetreu abzubilden, geht es bei einem historischen Spielfilm immer auch darum, sie aus heutiger Perspektive zu betrachten. Eine originalgetreue Abbildung kann ohnehin nur ein Ideal bleiben, da es unmöglich ist, sie vollständig zu erreichen. Selbst reservierte Originalschauplätze verändern sich mit der Zeit. Zudem muss ich im narrativen Spielfilm zwangsweise Darsteller:innen besetzen, die die Zeit nicht selbst erlebt haben und eine andere Wahrnehmung der Welt haben als die Menschen damals.

Worauf hast du beim Casting besonders geachtet (auch im Bezug auf den historischen Kontext) und was war die größte Herausforderung bei der Rollenbesetzung?

Ob im historischen oder zeitgenössischen Setting, bei der Besetzung eines Liebespaares zählt meiner Meinung nach dieselbe Logik: Die beiden Darsteller:innen müssen vor allem eine gute Chemie miteinander haben. Dafür haben wir im Vorhinein mehrere Konstellationscastings durchgeführt, bei denen wir verschiedene Darstellerinnen in diversen Kombinationen gecastet haben. Bei Sidney Fahlisch und Smilla Maryluz Liebermann wusste ich sofort, dass die beiden perfekt für die Rollen sind, weil sie unglaublich gut miteinander harmoniert haben und ihre Rollen gleichzeitig toll ausgefüllt haben.

Bjoern mit Darstellerinnen2

Björn Grzemba mit Sidney Fahlisch u. Smilla Maryluz Liebermann

Wie schwierig war es, passende Locations aus der DDR-Zeit zu finden und wie hast du sie gefunden?

Oktavio Port - Creative Producer: Die Motivsuche war einer der aufwändigsten Teile der Vorbereitung. Uns war früh klar: Wir brauchen originale Orte – ein echtes VEB-Gelände, eine authentische Datsche, ein reales Gefängnis. Alles andere hätte den Film sofort entzaubert. Museen und Gedenkstätten waren wichtige Anlaufstellen, gerade für Industrie- und Haftorte. Jeder Ort trägt Geschichte in sich, und mit dieser muss man respektvoll umgehen. Gerade bei sensiblen Motiven wie einem ehemaligen Stasi-Gefängnis oder einem originalen VEB geht es nicht nur um Drehgenehmigungen, sondern um Vertrauen. Wir mussten erklären, warum wir diesen Stoff erzählen wollen, und zeigen, dass wir nicht einfach „Kulisse benutzen“, sondern Geschichte sichtbar machen wollen.

Wie bist du mit dem begrenzten Budget bei einer Reiseproduktion mit historischer Geschichte umgegangen?

Das Budget war nicht winzig, aber für einen historischen Stoff natürlich sehr begrenzt. Den Unterschied gemacht haben eine sehr engagierte Produktionsleitung (Katja Portune) und die Menschen vor Ort. Die Unterstützung war überwältigend. Gitti und Robert, die Motivgeber der Datsche, haben nicht nur ihr Grundstück zur Verfügung gestellt, sondern auch das Szenenbild unter der großartigen Leitung von Susann Bieling aktiv mitgetragen, die Datsche selbst ein- und ausgeräumt und mitgedacht. Thomas, der Motivgeber der Scheune, hat ca. hundert Strohballen organisiert, selbst transportiert und uns bei Drehgenehmigungen in der Region unterstützt. Das ist nicht selbstverständlich.

Wir haben versucht, sie von Anfang an mitzunehmen, transparent zu sein und zu zeigen, dass ihre Orte und ihre Geschichte wertgeschätzt werden. Dadurch fühlte es sich oft so an, als wären die Motivgeber selbst Teil der Crew. Ohne diese Bereitschaft wäre der Film so nicht möglich gewesen. Ein bewegender Moment war auch, als wir nach dem Dreh in der Datsche vom Vereinsvorstand des Kleingartenvereins am Jakobsgraben eine Urkunde als Dank für die Zusammenarbeit überreicht bekommen haben.

Collage Drehorte2

Authentische Drehorte in Brandenburg

Wie entwickelt man eine Bildsprache für einen historischen DDR Film? Gab es visuelle Vorbilder aus der Zeit oder aus anderen historischen Filmen?

Erik Heinowski - Kamera: Für mich setzt sich die Bildsprache eines Filmes im Wesentlichen aus zwei Säulen zusammen: Der visuellen Dramaturgie und dem Worldbuilding. Gerade bei einem historischen Film verschiebt sich der Ansatz stark, da man sich historischen Welten über Erinnerungen, Dokumente und Bilder annähern muss, also über Perspektiven, die immer schon gefiltert und interpretiert sind. Als Diktatur waren viele Medienerzeugnisse der DDR staatlich geprägt, im Grunde also Propaganda. Man sieht es vielen Fotografien an: Sie wurden im Auftrag geschaffen, ihr Blick stand unter einem impliziten Motto: Der Sozialismus hat schön zu sein. Der Alltag wirkt oft inszeniert, die Bilder erzählen von einer idealisierten Realität.

Damit stellte sich für mich die Frage: Welche Version der Geschichte zeigen mir diese Bilder eigentlich? Was erzählen mir Farbfotografien von Fotografen wie Martin Schmidt oder Kurt Schwarzer wirklich über das Leben in der DDR? Welches Menschenbild vermitteln mir Werke des Sozialistischen Realismus? Und kann man diesen Bildern überhaupt trauen oder liegt die ehrlichere Perspektive vielleicht eher in den damals von der Stasi als zu kritisch eingestuften dokumentarischen Schwarz-Weiß-Fotografien von Harald Hauswald oder Sibylle Bergemann? Um nicht einfach eine bestehende filmische Darstellung der DDR zu reproduzieren, haben Björn und ich einen ganzen Katalog fotografischer Arbeiten und Werke aus der bildenden Kunst diskutiert und mit Gesprächen mit Zeitzeug:innen abgeglichen. Für mich ging es dabei weniger darum, konkrete Bilder zu imitieren, sondern ein Gefühl für Atmosphäre, Räume und gesellschaftliche Spannungen zu entwickeln.

Wie war die Zusammenarbeit mit Szenenbild und Kostüm, um ein stimmiges Bild zu erzeugen?

Die Grundlage für die Zusammenarbeit mit Szenenbild und Kostüm war mein Lookbook, in dem ich historische Bildquellen, konkrete Motivbilder sowie Farbdramaturgie und Lichtreferenzen des Films zusammengeführt habe. Darauf aufbauend haben wir die Szenen Schritt für Schritt durchgesprochen und erste Ideen zur Mise-en-Scène entwickelt, also dazu, wie Motive, Ausstattung, Requisiten und Kostümbild in ihren Farbigkeiten und Texturen zusammenspielen können. Für mich war diese Zusammenarbeit besonders wertvoll, weil beide enorme Erfahrung mitbringen. Unsere Szenenbildnerin Susann Bieling arbeitet seit vielen Jahrzehnten im Kino- und Fernsehbereich und war an zahlreichen großen Produktionen beteiligt, darunter "Nirgendwo in Afrika", der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Auch Ines hat viel Erfahrung mitgebracht. Deshalb war der Prozess für mich auch eine außergewöhnliche Möglichkeit zu lernen.

Szenenbild und Kostuem2

Zusammenspiel von Kostüm und Szenenbild

Fotos ©Manuel Baumann und Anton Schniewind