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STUDIUM / GÄSTE

Wenn Zeit, Nähe oder Schwerkraft einfach keine Rolle mehr spielen

von CRISTINA FIXEMER am 17.07.2019

Im Juni kamen die Top-Journalisten Kai Diekmann und Philipp Jessen zum HMS-Gastgespräch zu uns Medienmanagern. Es ging um disruptive Innovationen, KI und die Frage, welchen Ansprüchen Content im digitalen Zeitalter Rechnung tragen muss.
Teaserbild Armin Andreas Kai Philipp

Studiengangsleiter Prof. Dr. Armin Rott, Kai Diekmann, Andreas Wrede und Philipp Jessen beim Balkon-Selfie

„Es gibt wohl Menschen, die reiten, aber die reiten nicht mehr ins Büro!“ – sagt Kai Diekmann und bezieht sich metaphorisch auf die Entwicklung der Druckindustrie im Zuge der Digitalisierung. Mit Zitaten wie diesem haben er und sein Storymachine-Kollege Philipp Jessen aus Berlin sich weit über zwei Stunden hinweg die volle Aufmerksamkeit der HMS – Studierenden gesichert. Es ging bei diesem Gastgespräch um einen Rückblick in die Zeit vor der digitalen Transformation, einen Blick auf den Status Quo und einen visionären Ausblick in die Zukunft aus der Sicht zweier Experten, die mit ihrer Lebens,- und Berufserfahrung den Studenten so einiges mitgeben können.
Aufgewachsen ist der Ex-BILD-Chefredakteur Diekmann in einer Zeit mit festen Informationsritualen: Jeden Morgen gehörte eine frisch gedruckte Tageszeitung einfach auf den Frühstückstisch. Gut kann er sich ebenfalls an Schlagzeilen erinnern, in denen NOKIA als weltweit führender Telekommunikationskonzern und unschlagbarer Konkurrent im Vergleich zu anderen Mobiltelefonherstellern gefeiert wurde. Und dann kam das iPhone und mit ihm die verschärfte digitale Transformation um die Ecke und veränderte das Mediennutzungsverhalten einfach mal eben: Weltweit. So viel zum Thema disruptive Innovationen.
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Erinnert sich noch an NOKIA als Marktführer und die Printausgabe einer Zeitung auf dem Küschentisch: Kai Diekmann

Mit der Digitalisierung kam also die Entmaterialisierung. „Eine zweite Welt wurde geschaffen und die Physis in Bits und Bytes umgewandelt“, erklärt Kai Diekmann. Der Weg der Zeitung in einen Kiosk wurde buchstäblich aufgelöst und das Internet fungiert als eine Brücke in eine neue, digitale Welt. Weder Zeit noch Nähe oder Schwerkraft spielen hier eine Rolle. Das bekommt der traditionelle Journalismus zu spüren, der durch die Entwicklung der sozialen Medien einem jeden das Handwerkszeug mitgibt, selbstständig ein Massenpublikum erreichen zu können. Eine Art virtueller Kiosk ermöglicht es Personen des öffentlichen Lebens, plötzlich mit dem Publikum direkt zu kommunizieren. Diese Unabhängigkeit von früheren Gatekeepern hilft Figuren wie z.B. Trump seine Wähler bei Laune zu halten und erfordert von uns angehenden Medienmanagern über völlig neue, an die Zeit – oder oder besser: Zukunft – angepasste Geschäftsmodelle nachzudenken.
Und während China schon Zig-Milliarden Dollar in Künstliche Intelligenz investiert, liegt Deutschland bei lediglich knapp drei Milliarden Euro. „Europäer neigen dazu, zunächst über Risiken sprechen zu wollen, während die USA und China schneller die Veränderung willkommen heißen“, meint Kai Diekmann. „Wir Deutschen machen uns viel zu viele Sorgen um die Datensicherheit und zugleich ist das meist genutzte Passwort immer noch 123456.“ Andere Weltmächte hingegen seien „uns da einen großen Schritt voraus und erkennen jetzt schon wie wichtig Investitionen in Künstliche Intelligenz ist“, die – so Philipp Jessen, der unter anderem bei Gala und Stern.de-Chefredakteur war – für die nächste digitale und radikale Disruption sorgen wird.
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Philipp Jessen glaubt an den Siegeszug personifizierter Inhalte

Was also sind wichtige Erfolgsfaktoren in einer solch‘ schnelllebigen Zeit? Ganz wichtig: Inhalte müssen überall empfangen und vermittelt werden können. Ob über Instagram oder einem Podcast auf Spotify: Crossmedial vertreten zu sein ist absolutes Muss. Von hoher Relevanz ist außerdem die Personalisierung der Inhalte. Spotify weist uns auf ein Lied hin, das wir selbst vergessen haben – und das auf Grundlage unserer Daten und Nutzungsgewohnheiten. Personifizierte Inhalte werden in unserer Zeit und künftig immer unabdingbarer, finden die beiden HMS-Gäste unisono.
Und genau deswegen haben die beiden Top-Journalisten Diekmann und Jessen zusammen mit Sport-Manager Michael Mronz die Agentur Storymachine in Berlin gegründet. Es geht ums Geschichten erzählen, Content kreieren, Zielgruppen erkennen und darum, sich als Kunde für diese sichtbar zu machen. Sowohl CEOs, die sich zum Beispiel integrativ ihren Mitarbeitern präsentieren wollen, als auch Politiker im Sinne einer Pro-Bono-Kampagne haben von dieser Dienstleistung bereits profitiert. Philipp Jessen hat etwa sowohl Kanzlerin Angela Merkel als auch Annegret Kamp-Karrenbauer Ratschläge „für eine bessere Kommunikation mit der Außenwelt“ gegeben, „natürlich ohne erhobenen Zeigefinger“.
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Nach dem Gastgespräch ist vor dem Interview - Kai Diekmann und Philipp Jessen beim Videointerview mit Studierenden

Als Antwort auf die Frage, was ein Mitarbeiter mitbringen muss, um bei Storymachine arbeiten zu können, gibt es klare Regeln: Hohes Potenzial auf speziellen Gebieten, der Wille zu lernen, immer mit anzupacken und soziale Kompetenz. An seine eigenen Grenzen gehen zu wollen ist Kai Diekmann und Philipp Jessen desgleichen wichtig. Denn vor allem bei flachen Hierarchien ist intrinsischer Druck unglaublich von Bedeutung. So viel aufmerksames Zuhören hat es bei einem Gastgespräch schon lange nicht mehr gegeben. Die Notizen auf den Laptops werden gespeichert und die restliche Zeit für Fragen an Philipp Jessen und Kai Diekmann genutzt. Wir bedanken uns bei den zwei Gästen für so viel spannenden Input.
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Der Studiengang Medienmanagement bedankt sich herzlich für dieses intensive Gespräch!