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STUDIUM / GÄSTE

„Wiederbelebung jüdischen Lebens in Deutschland“

von ANDREAS WREDE am 22.08.2019

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Andreas Wrede und Stefanie Kirschbaum von der HMS mit Rabbiner Yehuda Teichtal

Kürzlich besuchte Rabbiner Yehuda Teichtal aus Berlin die Hamburg Media School. Im Medienmanagement erläuterte er der Kollegin Steffi Kirschbaum und mir ein bemerkenswertes Leuchtturmprojekt, dass er seit einigen Jahren energisch und unablässig vorantreibt. Der Rabbi wurde einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland bekannt – vor einiger Zeit sind sein Sohn und er in Berlin bespuckt worden. In unserem Alltag begegnet uns Antisemitismus, unterschiedlichster Couleur, immer mehr. Nach dem Vorfall besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Rabbi zu Hause, um seine Solidarität mit ihm auszudrücken und zu unterstreichen, dass Antisemitismus in Deutschland keinen Platz haben darf, wer auch immer ihn propagiert.
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Yehuda Teichtal in der Bibliothek des Rabbiners

Yehuda Teichtal, in New York geboren, erzählte uns an der HMS, warum er vor 20 Jahren gerade nach Deutschland gekommen ist mit seiner Frau: „Es gibt viele Menschen jüdischen Glaubens, die Europa nach dem zweiten Weltkrieg – aus sehr guten und nachvollziehbaren Gründen – den Rücken gekehrt haben. Wir allerdings waren damals jung und sind ganz bewusst nach Deutschland gekommen, um hier wieder mehr jüdisches Leben, jüdische Kultur und ein friedliches Zusammenleben aller Religionen zu befördern.“

Gegenwärtig ist der Rabbiner Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Vorsitzender des Jüdischen Bildungszentrums (und auch der Gründer des Pears Jüdischer Campus) Chabad Lubawitsch in Berlin-Wilmersdorf. Direkt daneben entsteht gerade der Pears Jüdische Campus, der im Frühjahr 2020 eingeweiht werden soll. Unter einem Dach werden dann Kinderkrippe, Kindergarten, Schule, Jugendclub, Sport- und Freizeitzentrum untergebracht sein. Zum Campus werden ebenfalls eine multifunktionale Sporthalle und Kinderspielplätze gehören. Insgesamt belaufen sich die Kosten auf 20 Millionen Euro - Bundesregierung, das Land Berlin, verschiedene Stiftungen, wie etwa die Stiftung „Lebendige Stadt“, Unternehmen und Einzelpersonen haben schon ihre finanzielle Hilfe zugesagt. Noch freilich ist der insgesamt nötige Betrag nicht komplett zusammengekommen.
Aber Rabbi Teichtal ist ein unerschütterlich optimistischer Mensch und überzeugt, dass die noch fehlenden Mittel aufgebracht werden. Was nun genau soll der Pears Jüdische Campus sein? Yehuda Teichtal: „Neben dem Schulbetrieb wird es dort ein vielfältiges außerschulisches Angebot geben – Tanz, Musik, Kunst oder Sport. Und natürlich ist von uns gewünscht, dass diese Angebote auch von Kindern und Jugendlichen nicht-jüdischen Glaubens besucht werden. Bildung, Kultur und Sport sollen für alle da sein!“
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Dem Rabbi ist es wichtig, dass „Toleranz, Respekt und fröhliches Miteinander“ mehr denn je gefördert werden. Für ihn soll der „Jüdische Campus das Gesicht eines positiven Wachstums und der Entwicklung interkulturellen Lebens sein – für mehr Toleranz für alle.“ Seit über fünf Jahren engagiert sich Yehuda Teichtal schon für den Campus und jeden Tag, wenn er dort vorbeigeht, freut er sich über die sichtbaren Baufortschritte. Beim ersten Spatenstich hat Bundesaußenminister Heiko Maas gesagt: „Wer Häuser baut, der bleibt...und wer einen Campus baut, der baut die Zukunft...80 Jahre nach den Pogromen den Jahres 1938 als jüdische Bildungseinrichtungen brannte, wird dieser Campus eine schmerzhafte Lücke schließen.“
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Heiko Maas fuhr fort: „Wir dürfen deshalb nie vergessen, dass es eben keine Selbstverständlichkeit ist, dass wir heute mit dem Spatenstich für den Jüdischen Campus die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland feiern können. Wir verdanken dies Menschen wie Ihnen, lieber Rabbi Teichtal und den Mitgliedern der Gemeinschaft Chabad Lubawitsch im In- und Ausland, die durch ihren unermüdlichen Einsatz zur Wiederbelebung jüdischen Lebens Vertrauen aussprechen unsere Demokratie und in die Offenheit unserer deutschen Gesellschaft.“ Um Toleranz und Zusammengehörigkeit zu fördern, veranstaltet Chabad jedes Jahr ein jüdisches Lichterfest im Herzen Berlins - Chanukka am Brandenburger Tor. Die Chanukka Leuchter wird in der Regel mit einem prominenten Gast beleuchtet, vergangenes Jahr war es Bundespräsident Steinmeier.

Wir danken Rabbiner Yehuda Teichtal für seinen Besuch an der HMS und wir danken ihm für das segensreiche Bild, das er uns als Geschenk mitbrachte aus Berlin. Und wir würden uns sehr freuen, wenn wir ihn im kommenden Jahr zu einem Gastgespräch wieder bei uns begrüßen dürften.
Anmerkung: Die Zitate sind teilweise entnommen aus den Broschüren „Spatenstich Pears Jüdischer Campus”, Berlin Juni 2018 sowie dem “Lebendige Stadt“-Journal, Nr. 35,
Dezember 2017.