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DIGITAL- UND MEDIENMANAGEMENT / GASTGESPRÄCHE

Von offenen Türen und klarer Haltung - Im Gastgespräch mit Anna van Koetsveld

von JIL WRIEDEN am 23.02.2026

Gruppenfoto mit Anna van Koetsveld

Gruppenfoto mit Anna van Koetsveld

Als Anna van Koetsveld an diesem Nachmittag den Raum betritt, ist es keine laute Energie, die den Raum füllt, sondern eine ruhige Selbstverständlichkeit. Sie spricht klar, reflektiert, mit einem Lächeln, das Nähe schafft. Schnell wird deutlich: Hier erzählt niemand eine glatt polierte Karrieregeschichte, sondern eine, die von Entscheidungen und einer großen Portion Neugier lebt.

Dabei war ihr Weg keineswegs vorgezeichnet. Ursprünglich spielte sie mit dem Gedanken, Medizin zu studieren. Der naturwissenschaftliche Schwerpunkt war gelegt, die Option greifbar. Doch nach dem Abitur wurde ihr klar, dass sie sich in einem anderen Umfeld sah. Stattdessen entschied sie sich für ein Studium im Bereich International Business and Management in den Niederlanden, ergänzt durch einen Auslandsaufenthalt in Südkorea. Eine frühe internationale Prägung, die ihren Blick für Märkte und dessen Dynamiken schärfte.

Während des Studiums fand sie über ein Praktikum bei Gruner + Jahr in die Medienbranche. Aus einem ersten Einblick wurde ein Einstieg: Nach dem Abschluss begann sie beim Stern und übernahm zunächst Projektmanagement-Aufgaben, unter anderem im Umfeld des Henri-Nannen-Preises (heute: Stern-Preis). Schnell folgten weitere Verantwortungsbereiche im Publishing-Management, insbesondere im Frauen-Segment. Dort gestaltete sie Marken strategisch mit und entwickelte neue Formate, darunter auch die BRIGITTE Academy, die sie maßgeblich mit aufbaute und leitete. Ein Projekt, das unternehmerisches Denken, Markenführung und gesellschaftliche Relevanz miteinander verband.

Im Jahr 2020 wechselte sie zur Bauer Media Group und übernahm dort zunächst die Rolle der stellvertretenden Verlagsgeschäftsführerin im Frauen-Segment. In dieser Funktion verantwortete sie ein umfangreiches Portfolio etablierter Titel und arbeitete an der strategischen Weiterentwicklung klassischer Publishing-Marken in einem zunehmend digitalen Umfeld.

Mit wachsender Erfahrung verlagerte sich ihr Fokus stärker auf unternehmensübergreifende Themen. Heute ist sie Vice President (VP) Chair of the Board Office bei der Bauer Media Group. In dieser Rolle arbeitet sie im direkten Umfeld der Eigentümerin und bewegt sich im strategischen Zentrum des Unternehmens. Sie koordiniert das Büro der Chair of the Board, begleitet konzernweite Initiativen und Transformationsprozesse und sorgt dafür, dass Entscheidungen strukturiert vorbereitet und nachhaltig umgesetzt werden. Eine Position an der Schnittstelle zwischen Geschäftsführung, Führungskräften und operativen Teams - mit viel Überblick, Verantwortung und Vertrauen.

Zwischen diesen beruflichen Stationen spricht Anna immer wieder über Haltung. Über die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn man nicht jede fachliche Antwort sofort parat hat. Ein Satz eines früheren Vorgesetzten ist ihr bis heute im Gedächtnis geblieben: „Wenn du Bock darauf hast, ist das die Hauptsache - den Rest bringe ich dir bei.“ Für sie war das kein lockerer Motivationsspruch, sondern ein echter Karriere-Booster. Vertrauen als Grundlage von Entwicklung.

Neben ihrer beruflichen Verantwortung spricht sie offen über die private. Als Mutter weiß sie, dass es keine allgemeingültige Antwort auf die Frage nach Vereinbarkeit gibt. Entscheidend sei, Grenzen zu setzen, auch einmal Nein zu sagen und ein Umfeld zu schaffen, das Flexibilität ermöglicht. Unterstützung, besonders durch ihren Partner, sei dabei essenziell. Gleichzeitig betont sie, wie wichtig es ist, dass Frauen sich gegenseitig stärken. Feminismus versteht sie heute als partnerschaftlichen, zeitgemäßen Ansatz.

Ihr Umgang mit Druck wirkt dabei bemerkenswert gelassen. „Wir operieren nicht am offenen Herzen“, sagt sie und relativiert damit viele Situationen, die im Alltag größer wirken, als sie sind. Statt sich vom Tempo treiben zu lassen, sucht sie bewusst kleine „Inseln“: Zeit für Sport, Familie oder klare Gedanken. Als ehemalige Handballerin habe sie früh gelernt, mehrere Dinge gleichzeitig wahrzunehmen - ein halb-peripherer Blick, der ihr heute in komplexen Führungsrollen hilft.

Ihre Zeit an der Hamburg Media School beschreibt sie als Katalysator. Im Executive MBA Digital- und Medienmanagement erlebte sie, wie Theorie und Praxis ineinandergreifen. Besonders prägend waren für sie das Netzwerk, der enge Austausch und das gewonnene Selbstbewusstsein, ein Fundament, das bis heute trägt.

Im Gespraech mit Anna van Koetveld

Im Gespräch mit Anna van Koetsveld

Im Gespräch wird immer wieder deutlich, dass sie sich selbst als Generalistin versteht. Nicht als Spezialistin für ein einzelnes Feld, sondern als jemand, der Zusammenhänge erkennt, sich in neue Themen einarbeitet und Perspektiven verbindet. Stärken bewusst ausbauen, Schwächen kennen und reflektieren, das sei entscheidend. Und vor allem: neugierig bleiben.

Am Ende bleibt weniger eine konkrete Karriereformel als eine Haltung. Offen sein für Chancen. Geduldig sein, wenn Prozesse Zeit brauchen. Den Mut haben, neue Rollen anzunehmen, auch wenn sie zunächst außerhalb der Komfortzone liegen. Es ist diese Mischung aus Ambition und Gelassenheit, aus Struktur und Offenheit, die ihren Weg prägt.

Zurück bleibt das Gefühl, einer Führungspersönlichkeit begegnet zu sein, die nicht durch Lautstärke wirkt, sondern durch Klarheit. Eine Frau, die Verantwortung trägt und dennoch beweglich bleibt. Und die zeigt, dass Karriere nicht aus perfekten Plänen entsteht, sondern aus Neugier, Vertrauen und der Bereitschaft, immer wieder durch neue Türen zu gehen.

Wir danken Anna van Koetsveld herzlich für ihre Zeit, ihre Offenheit und die inspirierenden Impulse, die weit über diesen Nachmittag hinaus wirken.