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Wilhelm Tell tells nobody nothing anymore? Storytelling im Zeitalter von KI

von ANNEKE SCHÜGNER am 05.03.2026

Starten muss ich zunächst mit einer Entschuldigung an meine Deutschlehrerin, die sich in der Mittelstufe wirklich sehr bemüht hat, uns Moral und Kernaussagen von Wilhelm Tell zu vermitteln. Keine Sorge, die Mühe war nicht umsonst: Natürlich tells me Wilhelm Tell a lot. Auch wenn die Überschrift zugegeben etwas provokant gewählt ist, lässt sich nicht leugnen, dass Geschichten wie die von Wilhelm Tell oder Robin Hood es heute schwerer haben denn je, Zuhörer:innen zu finden. Mal ehrlich: Würdet ihr die gesammelten nordischen Sagen lesen, wenn ihr auch TikToks von Liam Hemsworth am Marvel-Set ansehen könnt? Gut, der Vergleich ist vielleicht etwas platt, aber es lässt sich nicht leugnen: Die Art und Weise, wie Inhalte konsumiert werden, hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Und machen wir uns nichts vor: Auch BookTok kann nicht über die schwindende Popularität des guten alten Buches hinwegtäuschen. Die Verlagsgruppe Oetinger hat diesen Trend längst erkannt und im Rahmen des nextMedia Prototyping Labs ein Team aus Studierenden ins Rennen geschickt, um herauszufinden, wie Geschichten heute erzählt werden können.

HMS x nextMedia Prototyping Lab
Seit einigen Jahren bietet die HMS Studierenden die Chance, eines der Praxisprojekte im Rahmen des nextMedia Prototyping Labs durchzuführen. Hier werden Studierende verschiedener Hamburger Hochschulen mit Unternehmen der Medienbranche gematcht, um gemeinsam an realen Herausforderungen der Branche zu arbeiten und innovative Prototypen zu entwickeln. Themenschwerpunkt dieses Jahres (wenig überraschend): Künstliche Intelligenz in der Content-Branche.

Entwicklung eines innovativen Prototyps? Das hört sich nicht nur technisch an, sondern erfordert natürlich Fähigkeiten, die (wenn auch nur minimal) über die Inhalte unseres Seminars „Digitale Medienproduktion II“ hinausgehen. Umso dankbarer war ich über den vielseitigen Background meines Teams. Simi und Nicole studieren beide Mensch-Maschine-Kommunikation an der Universität Hamburg und Leon von der Fachhochschule Wedel ist angehender Wirtschaftsinformatiker. Beste Voraussetzungen also, um die Aufgabe von Oetinger anzugehen: die Entwicklung eines funktionalen Prototyps, der mithilfe von Künstlicher Intelligenz Sagen für Kinder bis 12 Jahre erlebbar macht.

Next Media Gruppenbild Anneke 1

Team für die Oetinger-Challenge des nextMedia Prototyping Labs

Die Entwicklung des Prototyps stellt uns vor zahlreiche Herausforderungen
Bestehen sollte der Prototyp aus einem Chat, der es Kindern ermöglicht, mit den Charakteren der Sagen in den Austausch zu treten und durch authentische Dialoge mehr über die jeweilige Story zu erfahren. Außerdem sollte eine Funktion Kindern ermöglichen, ein Bild hochzuladen, auf dessen Grundlage ein personalisierter Avatar erstellt wird. Dieser sollte wiederum Grundlage für kleine Videoclips sein, die den Avatar direkt zum Teil der Geschichte machen. Denjenigen unter euch, denen der Genuss von Medienrecht zuteilgeworden ist, sollte jetzt schon einiges auffallen… War da nicht irgendwas mit Urheberrecht, DSGVO und so? Richtig, an dieser Stelle zeigt sich die eigentliche Herausforderung. Es musste absolut ausgeschlossen werden, dass die KI urheberrechtlich geschützte Werke rezitiert. Darüber hinaus schreibt die DSGVO einen besonders sensiblen Umgang mit den Daten von Kindern vor. Wir mussten einen Weg finden, um zu 100 Prozent nachvollziehen zu können, was mit den Nutzer:innendaten nach der Eingabe passiert, gar nicht so einfach, bedenkt man, dass Systeme wie OpenAI mit ihrer Blackbox-Struktur vieles sind, aber nicht transparent. Und dann besteht natürlich noch das „kleine“ Problem, garantieren zu müssen, dass der gesamte Output kindergerecht ist und Anfragen verantwortungsvoll beantwortet werden.

Praesentation des Prototypen Anneke 2

Präsentation des fertigen Prototypen bei nextMedia

Gefühlt endlose Recherchen und ewiges Ausprobieren haben sich schlussendlich jedoch bezahlt gemacht: Ende Januar konnten wir Oetinger unseren fertigen Prototypen vorstellen.

Da das Prototyping Lab für uns als Studierende eine so schöne und bereichernde Erfahrung war, freut es mich natürlich umso mehr, dass auch von Verlagsseite aus eine durchweg positive Bilanz gezogen wurde. Unser Ansprechpartner Sascha Daniel Börngen fasst die Zusammenarbeit im Rückblick folgendermaßen zusammen: „Im Rahmen des Prototyping Labs 2025 hatten wir die Chance, gemeinsam mit Studierenden aus unterschiedlichen Studiengängen einen Prototypen zu entwickeln, der technische und vor allem rechtliche Herausforderungen im Umgang mit urheberrechtlich geschützten Werken und der Zielgruppe von Kindern bis 12 Jahren löst. Im Kickoff kamen wir mit einem großen Korb voller Ideen und haben gemeinsam mit den Studierenden sehr schnell und systematisch den Fokus auf die Kernfragen reduziert: Die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und Richtlinien. In der Entwicklung ergaben sich dabei immer wieder neue Fragestellungen, die wir im gemeinsamen, konstruktiven Austausch gut klären konnten. Am Ende steht nun ein Prototyp, der den rechtlichen Anforderungen entspricht und weiterentwickelt wird. Wir danken den Studierenden sehr für ihren Einsatz und ihr Engagement, die rechtlichen Herausforderungen technisch abzubilden."

Ich bin unglaublich dankbar, dass ich die Chance hatte, am nextMedia Prototyping Lab teilzunehmen. Nicht nur hatte ich die Möglichkeit, das an der HMS Gelernte praktisch in die Tat umzusetzen, sondern auch, mir unglaublich viel Wissen in einem neuen Bereich anzueignen und sogar ein wenig zu coden. Großer Dank geht hier nochmal an den Rest meines Teams und besonders an Leon, der sich immer viel Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten und Ideen umzusetzen. Natürlich gilt mein Dank auch nextMedia Hamburg, die uns auf dem gesamten Weg unterstützt haben, sowie unserer Mentorin Julia Heidinger, die uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stand. Zuletzt möchte ich mich bei Thorsten Höge, Sascha Daniel Börngen und Nina Gundelach von Oetinger für die tolle Aufgabe, euer Vertrauen und die großartige Zusammenarbeit bedanken.

Reveal des Prototypes Anneke 3

Reveal des Prototyps bei nextMedia