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JOURNALISM INNOVATORS PROGRAM

Netzwerke wie ein Pro: Ignoriere die Regeln!

von PROF. DR. ALEXANDRA BORCHARDT am 13.04.2022

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Was ich in meinem Berufsleben über das Kontakteknüpfen gelernt habe.

Kürzlich beim International Journalism Festival 2022 in Perugia plädierte Jane Barrett, Global Editor Media News Strategy bei Thomson Reuters und bestens vernetzt, für unstrukturiertes Networking. Obwohl Jane weiß, dass wir manchmal mit einem Ziel vor Augen Kontakte knüpfen müssen, stimmte ich ihr zu. Ich habe daraufhin nachgedacht und hier einmal aufgeschrieben, was ich in meinem Berufsleben über das Netzwerken gelernt habe. Hier sind ein paar Gedanken. Sie beruhen auf meinen persönlichen Erfahrungen und sollten deshalb nicht als Gebrauchsanleitung verstanden werden sondern als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen:

  • Lese gerne Ratgeber, aber ignoriere einige der Ratschläge. In der Regel heißt es dort, dass man gezielt Kontakte knüpfen muss, dass man ein Ziel braucht. Schön und gut. Aber du solltesn das unstrukturierte, nicht nutzwertige Networking nicht unterschätzen. Die besten Erfahrungen habe ich beruflich mit Menschen gemacht, von denen ich zu dem Zeitpunkt nicht erwartet hatte, dass sie mir mal nützlich sein könnten. Ich fand sie interessant, inspirierend – oder ich war einfach nur respektvoll und nett zu ihnen.

  • Sei großzügig. Schenke den Menschen, mit denen du sprichst, deine volle Aufmerksamkeit, höre ihnen zu. Bringe sie mit Menschen zusammen, von denen du annimmst, dass sie ihnen helfen könnten oder einfach nur gut zu ihnen passen. Vielleicht wirst du reichlich belohnt – vielleicht auch nicht. Aber das kann ausgehen wie bei einer Start-up-Finanzierung: Eine von zehn Investitionen zahlt sich womöglich aus, wenn du mal Hilfe benötigst oder gar in Not bist. Was ich dir wohl kaum sagen muss: Networking ist ein Geben und Nehmen, keine Einbahnstraße.

  • Achte beim Netzwerken mehr auf Charakter, Geist und Inspiration als auf Status und Rollen. Das hast du vielleicht schon selbst erlebt: Manche Leute sind nur dann an dir interessiert, wenn du ihnen aufgrund Ihrer Rolle oder Position nützlich zu sein scheinst. Hast du das gespürt? Wie viele dieser Menschen würdest du selbst gerne unterstützen? Genau, niemanden. Menschen verlieren andauernd Status und Positionen. Dann wird ihnen schmerzlich bewusst, dass sich viele von denjenigen, die sich früher so gerne mit ihnen vernetzt haben, plötzlich abwenden. Genau dann brauchen sie dich am meisten: Jemanden, der sie als Menschen respektiert und schätzt, wer sie wirklich sind. Sobald sie anderswo wieder auftauchen, werden sie vielleicht auch dich mit nach oben ziehen.

  • Für die Älteren unter uns: Knüpfe Netzwerke mit jungen Menschen. Mit Praktikant*innen, Studierenden und dergleichen zu sprechen, mag denjenigen, die sich auf Seniorität konzentrieren, als Zeitverschwendung erscheinen. Aber es kann ein großes Geschenk sein. Wir alle müssen nicht nur mit den nachfolgenden Generationen in Kontakt bleiben, wenn wir potenzielle Nutzerbedürfnisse untersuchen. Alle Generationen haben ihre eigenen Perspektiven und Denkweisen, und wir können unseren Horizont erweitern, wenn wir von ihnen lernen. Die Überwindung von Generationsbarrieren ist eine der großen Herausforderungen in vielen etablierten Organisationen, aber auch in Start-ups, die mit gleichgesinnten, oft jungen Kollegen arbeiten und denen es an erfahrenen Köpfen fehlt. Und denke daran: Wer heute deine Praktikantin ist, könnte übermorgen deine Chefin sein oder einen tollen Job für dich haben.

  • Für Anfänger: Netzwerken ist einfacher, wenn man etwas zu bieten hat. Dies gilt insbesondere für virtuelle Räume, in denen es nicht möglich ist, sich mit einem Getränk in der Hand vorsichtig in ein Gespräch zu schieben. Wenn du keine selbst produzierten Inhalte hast, dann empfehle anderen Dinge, die ihren Bedürfnissen entsprechen könnten.

  • Vernetze dich branchenübergreifend. Es ist schön, sich immer wieder mit Berufskollegen zu treffen, und viele von ihnen können im Laufe der Jahre zu Freunden werden. Suche aber bewusst nach Veranstaltungen aus benachbarten Branchen oder solchen, die bestimmte Herausforderungen besonders gut gemeistert haben. Nimm dich der großen Themen an, die für jede Branche relevant sind, wie Talente und Vielfalt, Klimawandel oder künstliche Intelligenz, und finde heraus, wie andere sie angegangen sind. Du wirst vielleicht überrascht sein.

  • Das abendliche Herumlungern an der Bar wird überschätzt. Die Angst, etwas zu verpassen, ist ein häufiges Merkmal vieler Branchenveranstaltungen. Es gibt Leute, die in solchen Umfeldern zu Höchstform auflaufen, gut für sie. Es gibt aber auch diejenigen, die einfach nur wach bleiben, weil sie das Gefühl haben, dass sie noch ein paar Kontakte knüpfen müssen. In der Regel kommen sie damit nicht annähernd an ihre Hoffnungen und Erwartungen heran. Denn andere spüren, wenn man müde, gelangweilt oder genervt ist. Jeder muss seinen ganz persönlichen Networking-Stil entwickeln. Netzwerken soll schließlich Spaß machen.