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Sven Egenter: „Klimawandel ist in jedem Thema verankert"

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Der Journalist Sven Egenter ist Geschäftsführer und Chefredakteur von Clean Energy Wire (CLEW). Mit seinem Team berichtet er selbst über Klimaschutz-Themen wie die Energiewende und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen. CLEW unterstützt Journalist*innen zudem in ihrer Berichterstattung und vernetzt sie international mit anderen Medienakteur*innen und Expert*Innen. Im Interview spricht Sven über einen neuen Mindset, den sich Journalist*innen schaffen sollten – das Verständnis, in jedem Thema die Rolle des Klimawandels mitzudenken. Was er damit genau meint und welche Auswirkungen der Ukraine-Krieg auf die Berichterstattung zur Energiepolitik hat, erklärt er uns im Gespräch.

Sven Egenter, du bist Geschäftsführer und Chefredakteur von CLEW. Ihr unterstützt Journalist*innen in ihren Recherchen zum Klimawandel. Warum ist das wichtig?
Sven Egenter: Der menschengemachte Klimawandel ist eine der größten und drängendsten Herausforderungen unserer Zeit. Es ist wichtig, die Menschen, die Gesellschaft als Ganzes dabei zu unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, um der Klimakrise zu begegnen. Wenn wir über Klimawandel sprechen, reden wir über große gesamtgesellschaftliche Veränderungen. Die Klimaschutz-Lösungen betreffen alle Lebensbereiche. Und auf diesem weitgehenden Wandel müssen die Menschen „mitgenommen“ werden – gerade auch durch die Medien. Für eine fundierte Berichterstattung braucht es ein Bewusstsein, Wissen und Fertigkeiten – und all das vermitteln wir bei CLEW. Wir unterstützen Journalist*innen ganz konkret bei der Arbeit zur Energiewende und anderen großen Lösungsthemen des Klimaschutzes. Wir berichten selbst, teilen Informationen und Kontakte und vernetzten die Akteur*innen weltweit. In unserem globalen Netzwerk sind derzeit 300 Journalist*innen – und es wächst.

Wie helft ihr Journalist*innen bei der Berichterstattung?

Sven: Zunächst zeigen wir den Journalist*innen, was bei Klimapolitik und Energiewende relevant ist. Außerdem unterstützen wir sie, die passenden Expert*innen zu finden. Vielleicht ist auch ein anderes Land bei der Fragestellung schon weiter, dann verknüpfen wir die Kolleg*innen. Sie können voneinander lernen und zusammenarbeiten.

Warum brauchen Journalist*innen einen neuen Mindset, um über Klimathemen zu berichten?

Sven: Klimawandel ist in jedem Thema verankert – darum brauchen Journalist*innen einen entsprechenden Mindset. Das heißt: Jeder Journalist oder jede Journalistin sollte sich die Frage stellen, ob das Thema, das er oder sie gerade bearbeitet, auch relevante Auswirkungen auf den Klimawandel oder Klimaschutz hat. Oft läuft es noch so, dass heute über Klima geschrieben wird, morgen über Wasser und übermorgen über Bildung. Das sind natürlich alles wichtige Themen. Aber Klimawandel und damit die Klimaschutz-Lösungen spielen in allen journalistischen Themenbereichen eine Rolle: Jede unserer Entscheidungen beeinflusst auf die eine oder andere Weise den menschengemachten Klimawandel und enthält auch die möglichen Lösungen. Darum sollten Journalist*innen einen entsprechenden Mindset entwickeln, der die Frage in ihrem jeweiligen Beat immer mitdenkt.

Kannst du dafür ein Beispiel geben?

Sven: Wenn wir davon ausgehen – so wie wir das tun, dass der Klimawandel alle Bereiche der Gesellschaft betrifft, dann betrifft er auch alle Bereiche einer Redaktion. Wurde bei einem Theater-Neubau oder einem neuen Fußballplatz die Frage der klima-schädlichen Emissionen mitgedacht? Haben solche Pläne Klima-Auswirkungen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Es geht nicht darum, sofort die Antwort oder gar die Lösung zu haben, sondern diese Fragestellung bei den Recherchen mitzudenken – ressortübergreifend. Das heißt jetzt nicht, dass sich jeder Journalist oder jede Journalistin die vollumfängliche Expertise zum Klimawandel aneignen muss. Zunächst geht es vorrangig um das Bewusstsein dafür.

Wenn du zurückblickst: Wie hat sich die Berichterstattung über Energiepolitik und Klimawandel verändert? Ist sie ausgebaut worden?

Sven: Ich finde es schwierig, nur in Quantität zu denken, weil wir in jedem Bereich einen Informationsüberfluss haben. Einige Medienhäuser decken das Thema Klimawandel mittlerweile mit eigenständigen Rubriken ab – die taz oder Spiegel Online zum Beispiel. Klimawandel ist damit ein grundlegender Bestandteil der Berichterstattung geworden – und das ist gut! Aber es reicht nicht, das Thema einfach nur abzudecken. Wir müssen, wie oben ausgeführt, dahinkommen, dass jedes Ressort die Klima-Aspekte und -Fragen mitdenkt, auch wenn in der Story selbst dann das Wort Klimawandel am Ende gar nicht auftaucht.

Fehlt dir aktuell etwas im (Klima-)Journalismus?

Sven: „Fehlen“ ist der falsche Ausdruck. Ich finde, wir brauchen einen konstruktiven Umgang im Journalismus mit allen Themen. Es reicht nicht, nur gesellschaftliche Kontroversen abzubilden, nach dem Motto Person A sagt dies, Person B sagt das. Wir müssen Themen in den Kontext einbetten, Probleme wie Lösungsansätze zeigen und die Debatten und Prozesse beschreiben und verfolgen. Dabei ist es selbstverständlich und auch wichtig, dass wir Journalist*innen Debatten auslösen oder darüber berichten. Nicht immer gibt es bereits die eine Lösung oder die richtige Antwort – das meine ich damit, wenn ich sage: Wir müssen auch das Prozesshafte darstellen.

Energiepolitik ist seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wieder ein Top-Thema in den Medien. Wie nimmst du das wahr?

Sven: Als Russland die Ukraine angegriffen hat, war klar: Der Krieg wird das Thema sein, das auch die Medien in der nächsten Zeit dominieren wird. Klar war uns aber auch, dass hinter dieser menschlichen Tragödie, die sich in der Ukraine abspielt, auch noch etwas anderes steht: Der Krieg ist nicht nur ein geopolitisches, sondern auch ein energie- und damit klimapolitisches Thema. Nun sind Fragen, die uns schon lange beschäftigen, ganz aktuell: Wo kommt unsere Energie eigentlich her? Mit wem machen wir da Geschäfte? Welche Bedeutung haben die Energiegewinnung durch Kohle, Gas, Öl und auch Uran bzw. Nuklear für uns und unsere Gesellschaft? Was heißt es, wenn die Gasversorgung aus Russland ausfällt? Was sind die Alternativen? Journalist*innen, die sich schon vor dem Krieg mit diesen Fragen beschäftigt haben, haben oft davor gewarnt – jetzt diskutieren wir auf allen Ebenen.

Journalist*innen, die über den Klimawandel berichten, müssen sich hin und wieder den Vorwurf anhören, dass sie als Aktivist*innen agieren. Wie siehst du das?

Sven: Ich finde solch einen grundsätzlichen Aktivismus-Vorwurf irritierend und kann ihn nicht verstehen. Die Fragen, die Klimajournalist*innen aufgreifen, drehen sich um den Erhalt unserer Lebensgrundlage. Wenn die Berichte der journalistischen Sorgfaltspflicht entsprechen, also das Handwerk, die Methode beherrscht und sauber und transparent gearbeitet wird, ist es kein Aktivismus, sondern eben Journalismus. Darum: Solange sich Medienschaffende nicht unkritisch zu Cheerleadern einzelner Sichtweisen machen, sondern sachlich berichten und einordnen, ist der Vorwurf einfach falsch. Außerdem frage ich mich: Was wäre denn die Alternative? Wie sollten Journalist*innen mit diesem Thema denn umgehen? Gar nicht berichten? Den menschengemachten Klimawandel kleinreden? Der ist ja wissenschaftlich bewiesen und schlicht Fakt.