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DIGITAL JOURNALISM FELLOWSHIP

DJF: Fünf Fragen an... Johannes Meyer

von ANJA KOLLRUSS am 02.10.2020

Johannes Meyer hross

Johannes Meyer ist Dozent an der Hamburg Media School. Er arbeitet als freier Journalist, Moderator und Dozent. Er war unter anderem als Fernsehjournalist für das ARD Morgenmagazin, für n-tv und RTL aktiv. Nach dem Studium der Medienwissenschaften an der Universität Siegen absolvierte Johannes Meyer ein Volontariat an der RTL Journalistenschule. 2015 wurde er unter die „Top 30 bis 30“ des Medium Magazins gewählt. Im Jahr 2017 erhielt er das Moderationsstipendium der Sparda Bank Baden-Württemberg für das Institut für Moderation (Imo) des Südwestrundfunks. Johannes Meyer moderiert den digitalen Sprint beim Constructive Idea Sprint am 10. November.


"Only bad news are good news" lautet eines der bekanntesten Credos unter Journalist*innen. Ist es noch aktuell und wie könnte ein neues Credo für 2020 lauten?
Aus meiner persönlichen Sicht kann ich sagen, dass ich dieses Credo noch nie in einer Redaktion gehört habe. Natürlich ist mir der Spruch bekannt aus Literatur und als Klischee des nach „schlechten Nachrichten geiernden" Journalisten. Jedoch ist da was dran. Fast unausgesprochen liegt der Fokus in vielen Redaktionen auf den schlechten Nachrichten und Ereignissen. Dieser Pfad hat sich etabliert. Grundsätzlich finde ich es auch richtig, dass Journalisten auf die Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft schauen und die Finger in die Wunden legen, das bringt unsere Gesellschaft voran.
Das allein reicht aber nicht. In einem Lied der Popgruppe „Fettes Brot“ gibt es die Zeile „Absolute Wahnsinnshow im Fernsehen und im Radio“. Es drückt aus, dass viele Menschen Nachrichtenmüdigkeit empfinden, bei all den schlechten Nachrichten, die da täglich auf uns einprasseln. Dabei gibt es in ganz vielen gesellschaftlichen Bereichen Nachrichten, die vielleicht nicht auf den ersten Blick auffallen, aber durchaus positiv sind. Außerdem gibt es viele Menschen, die „konstruktive“ Lösungsansätze für ganz konkrete Probleme haben und sich Gedanken, um die Zukunft machen. Das ist auch berichtenswert. Apropos, da ich konkret nach einem neuen Credo gefragt werde, lande ich nun ebenso bei einem Songtitel „Don`t stop thinking about tomorrow“ von Fleetwood Mac. Das Lied ist zwar schon älter, aber die Botschaft gilt weiterhin.

Der konstruktive Journalismus mit seinem Fokus auf lösungsorientierte Nachrichten ist schon längst kein Randphänomen oder neuer Trend im Journalismus. Wie hat er sich in der deutschen Medienlandschaft etabliert? Gibt es neue Ansätze?

Lösungsorientierte Nachrichten gibt es schon sehr lange. Lange Zeit nannte man es nur nicht so. Im vergangenen Jahrzehnt hat der Constructive Journalism aber sicherlich an Fahrt gewonnen. Gut so! Journalisten, wie Tina Rosenberg oder Ulrik Haagerup haben mit ihren grundlegenden Veröffentlichungen stark mit dazu beigetragen. Mittlerweile haben schon sehr viele Journalisten, auch in Deutschland, davon gehört und sich damit beschäftigt. Meiner Beobachtung nach sind die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen und die Zahl der Konferenzen, allen voran der Constructive Journalism Day oder das Campfire-Festival, deutlich gestiegen. Noch viel wichtiger ist aber, dass die Medien selbst Formate und Konzepte aus dem Bereich des Constructive Journalism in ihr Repertoire aufnehmen. Über alle Genres und Gattungen hinweg gibt es tolle Formate, die sich auf Constructive News fokussieren, bekannte Beispiele sind, z.B. der Perspektiven-Podcast von NDRInfo oder auch das Reportageformat Plan B vom ZDF. Genauso wichtig, finde ich aber konstruktive Elemente, die Formaten hinzugefügt werden, z.B. im ARD Morgenmagazin oder bei RTL aktuell. Es könnte jedoch noch wesentlich mehr geschehen. Ich würde mir wünschen, dass sich, ähnlich wie in Dänemark ein Institut etabliert, um den Ideen des Konstruktiven Journalismus mehr Nachdruck zu verleihen. Spannend finde ich auch das Projekt der Journalistin und DJF-Teilnehmerin Alexandra Haderlein "Lokalblog Nürnberg". Endlich ein lokales Startup mit konstruktiven Ansätzen. Ansonsten vermisse ich ein wenig die lokalen Ansätze. Dort sehe ich momentan noch nicht so viel. Vor kurzem waren Kommunalwahlen in NRW, da hätte sowas gut gepasst. Ich glaube auf lokaler Ebene kann Konstruktiver Journalismus besonders sinnvoll sein, da er dort sehr konkrete Ansätze aufzeigen kann.


Du hast dich auf Kreativtechniken im Journalismus spezialisiert. Welche können helfen, neue Ideen und Ansätze zu finden?
In erster Linie bin ich Journalist. Von daher arbeite ich gezielt mit Methoden, die Journalisten in ihrem Alltag praktisch helfen und ins Hier und Heute passen. Ich entwickle in meinen Workshops Ideen für Formate und Produkte mit journalistischer DNA, dass ist mir ganz wichtig zu sagen, da Kreativität im Zusammenhang mit Journalismus auch missverstanden werden kann und journalistische Formate auch immer Einfluss auf die Gesellschaft haben. Konkret wende ich Techniken an, die kreatives und laterales Denken fördern und „to go“, quasi wie ein Kaffeebecher, aus dem Workshop mitgenommen werden kann und im eigenen Medienhaus selbst „ohne viel Zeitaufwand“ und immense Kosten angewandt werden können. In einer Situation, in der neue technische Entwicklungen, neue Plattformen und neue Zielgruppen aus dem Boden sprießen, empfehlen sich dort vor allem, agile und nutzerzentrierte Methoden, wie z.B. Prototyping Event, wie Idea Sprints oder Hackathons, die ihren Blick auf den Leser, Zuhörer oder Zuschauer richten.

Gehen wir ins Detail: Was ist ein Idea Sprint und ist das wirklich eine Technik, geeignet für die Redaktionsarbeit?

Ein Idea Sprint hat fünf Phasen. Klassisch passt ein Sprint in eine Arbeitswoche, also an jedem Wochentag wird, sozusagen eine Phase durchlaufen. Also an einem Montag startet, um im Beispiel zu bleiben, der Sprint meist, damit man sich der „Herausforderung“ bewusst wird oder nach einer Fragestellung sucht, wie z.B. "Wie entwickeln wir eine Nachrichten-App für Millennials?" Mit Expertengesprächen und mit einer intensiven Recherche „laufen“ sich die Teilnehmer warm, um Ideen zu entwickeln. Weitere Idea Sprint-Phasen wären dann die Define-Phase, Ideate-Phase, Prototype-Phase, Test-Phase. In Teams werden dann im Laufe des Sprints unter Zeitdruck Ideen geboren und eben diese fünf Phasen in schneller Geschwindigkeit durchgesprintet. Zeit für viel Blabla gibt es nicht, die hat ein Sprinter in der Leichtathletik ja auch nicht. Wie schon erwähnt, werden auch Nutzer eingebunden , z.B. in Form von Interviews, um deren Medienverhalten und Bedürfnisse in die Format- und Produktentwicklung einzubeziehen. In den von mir moderierten Veranstaltungen, empfehle ich den Teams sich vorzustellen, dass sie ein Startup sind, denn am Ende des Idea Sprints müssen die Teams vor einer Jury pitchen.

Wie glaubst du, wie werden Journalist*innen in Zukunft Themen und Produkte erarbeiten?

Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass Journalisten schon von Berufs wegen an Neuem interessiert sind. Jetzt muss man ihnen noch mehr die Möglichkeiten geben „Neues“ zu entwickeln. Kreativseminare, wie z.B. Idea Sprints sollten schon von der Ausbildung an, Standard sein. Ich denke in der Zukunft spielen Labs und Start-ups-Förderungen eine große Rolle. Sowohl innerhalb großer Medienhäuser, als auch außerhalb. Ich sehe gerade, wie sich ganz langsam eine eigene deutschlandweite Start-up-Szene entwickelt, sozusagen journalistische Pioniere, die sich außerhalb ausgetretener Pfade ihren Weg suchen. Diese Szene muss noch stärker in den Fokus einer größeren Öffentlichkeit rücken. Davon kann der Journalismus insgesamt ungemein profitieren, da sogenannte Spillover-Effekte auftreten, also neu geschaffenes Know-how, von dem die ganze Branche profitieren kann. Mein Wunsch ist, dass in den Aufbau der Szene mehr investiert wird, natürlich finanziell durch langfristige Förderung, als auch idealerweise durch Netzwerke, die die Idee der journalistischen Gründung nach außen tragen.