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JOURNALISM INNOVATORS PROGRAM

Fünf Fragen an Nicolas Friedrich

von KRISTINA KABA am 04.02.2022

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Nicolas Friedrich arbeitet mit seinem Team bei der heute-show jeden Tag daran, Menschen zum Lachen zu bringen und dabei einen politischen Erkenntnisgewinn zu vermitteln. Nach dem Journalistik-Studium an der TU Dortmund und einem klassischen Zeitungsvolontariat hat er zunächst als Social-Media-Redakteur bei der Satiresendung angefangen und leitet seit 2017 die Onlineredaktion. Er beschäftigt sich viel mit Fragen moderner Führung und ist der festen Überzeugung, dass Menschen am produktivsten arbeiten, wenn sie sich wertgeschätzt fühlen, und dass im Miteinander verschiedener Sichtweisen die besten Ergebnisse entstehen. Nebenberuflich gibt er sein Wissen als Dozent für Social Media gerne weiter – unter anderem als Lehrbeauftragter an seiner alten Uni.

Die „heute-show“ ist ein Klassiker im Freitagabendprogramm des ZDF – und bringt die Menschen auch längst online zum Lachen. Du bist Mitglied der ersten Stunde in der Online-Redaktion. Wo steht die Redaktion heute?
Es ist uns gelungen, eine ganz neue Generation junger Menschen für die Marke heute-show zu begeistern, die allein über Fernsehen oder Mediathek nie mit uns in Berührung gekommen wären. Wir haben es geschafft, uns als Online-Redaktion einen eigenen Namen zu machen. So haben uns viele Instagram-User erst für unsere Memes abonniert – und irgendwann gemerkt: Dahinter steckt ja noch eine ganze Fernsehsendung. Es gab bei Sendungsausschnitten Kommentare über Oliver Welke wie: „Wer ist der Mann? Der ist ja total lustig.“

Insofern ergänzt sich beides: Freitags läuft der Wochenrückblick im Fernsehen, unter der Woche publizieren wir Bildgags, Memes und Short Videos auf Social Media. Snackable Satire für zwischendurch. Wir sind vor sieben Jahren gestartet mit 350.000 Facebook-Fans und stehen nun bei über sechs Millionen Fans auf fünf verschiedenen Plattformen. „heute-show Online“ ist eine Erfolgsgeschichte.

Wie entstehen journalistische Inhalte, die gleichzeitig unterhaltsam sind?

Der Gag steht für uns als Satire im Vordergrund, aber er muss auf einem faktisch richtigen Fundament aufbauen, und dann plattformgerecht erzählt werden. Dafür arbeiten wir nicht in Silos nebeneinander, sondern Hand in Hand an einem gemeinsamen Produkt: Wir recherchieren journalistisch Themen und Fakten, dann gehen die Autor*innen in einen kreativen Prozess – und am Ende feilen wir gemeinsam an den vielversprechendsten Ideen. Manchmal diskutieren wir eine Viertelstunde über einen Tweet. Jedes Wort muss sitzen.
Comedy-Autor*innen und Journalist*inen, Grafiker*innen und Social-Media-Profis – alle bringen ihre Stärken ein. Unser gemeinsamer Anspruch: Wir wollen die User zum Lachen bringen, für politische Themen interessieren und zum Nachdenken anregen.

Humor ist Geschmackssache. Satire kann schnell falsch verstanden und Ironie nicht wahrgenommen werden. Worauf achtet ihr vor der Veröffentlichung?

Erstmal hält sich bei einigen dieses große Missverständnis: „Ihr seid öffentlich-rechtlich, ihr müsst neutral berichten.“ Das verkennt, dass Satire ein Meinungsformat ist. Wir sind quasi ein einziger großer Kommentar. Klar ist auch: Nicht jeder Witz muss allen gefallen. Wir kritisieren jeden, nur manche Politiker*innen liefern schlicht mehr Vorlagen als andere.
Gewiss wird heutzutage vieles – gerade auf Twitter – mehr auf die Goldwaage gelegt als noch vor einigen Jahren. Daraus erwächst für uns eine stärkere Sorgfaltspflicht: Lassen wir eine Flanke offen, dass ein Text missverstanden werden kann? Dann schärfen wir die Formulierung vor der Publikation nach.

Du sagst: „Das Online-First-Prinzip ist überholt. Wir müssen social first denken.“ Was meinst du damit?

Als das Onlineteam 2015 an den Start ging, hat die heute-show als eine der ersten klassischen Medienmarken entschieden: Wir publizieren „social first“, also Content für die Newsfeeds auf Social Media, nicht für eine Webseite. Damals vertrauten andere Redaktionen noch darauf, über Facebook viel Traffic zu generieren, indem sie Links zu ihrer Webseite posteten. Das wurde durch Änderungen im Algorithmus mittlerweile massiv eingeschränkt.
Ich finde es für den Journalismus besonders wichtig, auf Social-Media-Plattformen stattzufinden – dort verbringen die Menschen am Handy den Großteil ihrer Zeit. Wir erziehen sie nicht dahin, unsere Webseite aufzurufen oder eine bestimmte App zu öffnen. Dafür gibt es im Jahr 2022 zu viele Alternativen.
Klar haben wir als öffentlich-rechtliches Medium das Privileg, dass unsere Inhalte keine Einnahmen generieren müssen. Aber auch andere journalistische Angebote sollten Social Media viel mehr als Marketing-Instrument verstehen: Wenn ich auf Instagram regelmäßig mit einer Marke in Kontakt komme, etwa Infos über meinen Wohnort durch die Lokalzeitung erhalte, dann werde ich die dazugehörigen Angebote auch eher aufsuchen, wenn ich mich gezielt informieren will.

Warum hast du dich für das JIP beworben? Was möchtest du durch deine Teilnahme erreichen?

Mein Uni-Abschluss ist bald zehn Jahre her – und in der Zeit hat sich die Medienlandschaft wahnsinnig verändert. Beim JIP gibt es viel Input, der mich fachlich weiterbringt. Experten aus der Praxis geben uns in Seminaren Anstöße für unseren redaktionellen Alltag und unterstützen uns in Einzelcoachings, unsere jeweiligen Projekte umzusetzen.
Wir Fellows sind ein bunter Haufen, jede und jeder hat einen ganz anderen Background, von privaten oder öffentlich-rechtlichen Medien, vom großen Verlag bis hin zum Social-Media-Projekt – auch aus diesem persönlichen Austausch nehme ich sehr viel mit.
Redaktionen und Medienunternehmen dürfen im Jahr 2022 nicht mehr nach dem Schema „haben wir schon immer so gemacht“ verfahren. Die Digitalisierung sorgt für umstürzende Veränderungen. Wie sehen neue Geschäftsmodelle und Vertriebswege aus, damit guter Journalismus eine Zukunft hat? Ich merke schon jetzt: Das Programm gibt mir viel, um auf diese Frage klare Antworten zu entwickeln.