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Interview mit Juliane Chakrabarti

Chakrabarti

Juliane Chakrabarti ist 2. Vorsitzende des Ichbinhier e.V.. Seit 2017 ist sie Mitglied der gleichnamigen Aktionsgruppe. #Ichbinhier und ich bin hier e.V engagieren sich in verschiedenen Projekten für digitale Zivilcourage und eine bessere Diskussionskultur in den sozialen Medien. Juliane Chakrabarti ist Erziehungswissenschaftlerin mit langjähriger Leitungserfahrung in psychosozialen Arbeitsfeldern. Bereits seit vielen Jahren ist sie als Vorständin und Aufsichtsratsmitglied vor allem in gemeinnützigen Organisationen zivilgesellschaftlich aktiv.

Hinter der Initiative „Ich bin hier“ steht eine gleichnamige Facebook-Gruppe. Was machen ihre Mitglieder*innen?

Wir haben ein ehrenamtliches Moderator*innen-Team, das die Gruppe koordiniert. In diesem ehrenamtlichen Team gibt es ein paar Moderator*innen, die sich zwischen 6 und 22 Uhr immer wieder in Abständen die reichweitenstarken Medien auf Facebook angucken. Und immer, wenn ein Beitrag zu einem beliebigen Thema innerhalb von 15 Minuten mehr als dreißig Prozent Hass- und Hetze-Kommentare erhält, fordern wir unsere Gruppenmitglieder*innen auf, sich sachlich und respektvoll in diese Debatte einzumischen. Wir tun das, indem wir Gegen-Kommentare verfassen, die Medien auffordern, zu moderieren, indem wir darauf hinweisen, dass da falsche Informationen drin sind oder das dort eine respektlose Sprache verwendet wird. Ein klassisches Beispiel aus unserem Alltag: Das Foto von einem toten Kind. Es ist egal, ob jetzt bei der Flutkatastrophe war oder ob es um geflüchtete Menschen geht. Jedenfalls darunter befindet sich ein Lach-Smiley, und auch darauf weist unsere Initiative hin.

Was möchten Sie mit Ihren Kommentaren erreichen?


Mit unserem Eingreifen möchten wir uns mit den Algorithmen von Facebook auseinandersetzen. Der Sinn dieser Algorithmen ist natürlich, dass Menschen sich lange auf den Seiten aufhalten. Mit ihrer Hilfe werden in den reichweitenstarken Medien Themen ausgewählt, die aus Sicht der individuelle Nutzer als besonders relevant gelten könnten. Das heißt, es können Inhalte sein, von denen man ausgeht, dass sie zu ihnen passen, oder weil Freunde von ihnen sie kommentiert haben oder weil es eine politische Gruppierung ist, die ihnen nahesteht. Alles das wird angezeigt und dazu gehören eben auch Lach- oder Hass-Smileys. Man geht davon aus, dass Menschen damit eine emotionale Reaktion zeigen und wer emotional wird, der*die hält sich meist besonders lange auf diesen Seiten auf. Wenn wir nun dazu Stellung nehmen, unsere eigenen Kommentare unterstützen oder verstärken, dann sind wir unter Umständen so viele, dass unsere Kommentare sichtbarer werden. Damit zeigen wir, dass wir eine angemessene Diskussion für richtig halten.

Das hört sich nach viel Arbeit an. Wie viele Mitglieder*innen zählt die Initiative derzeit? Wer ist Mitglied?


Wir sind derzeit etwas mehr als 43.000. Wir haben täglich Menschen, die dazu kommen, die aber auch gehen. Das liegt in der Natur der Sache, denn wir arbeiten alle ehrenamtlich und so eine Form des Engagements kann sehr anstrengend sein. Man setzt sich schon sehr vielen unangenehmen Dingen aus, und man liest sehr viele Dinge, die man vielleicht lieber gar nicht lesen wollen würde. Das ist so ein bisschen, als wenn Sie in den Nachrichten immer nur die unangenehmen Themen sehen würden. Alles das, was auch schön im Leben ist, kommt bei uns nicht so häufig an. Wir erheben keine statistischen Daten zu unseren Mitglieder*innen. Von den Themen, auf die unsere Mitglieder*innen reagieren, können wir aber ableiten, das es eine relativ konstante Gruppierung von älteren Menschen ist. Die ganz Jungen sind ja eh nicht mehr auf Facebook. Die sind dann bei TikTok oder bei anderen Medien, aber Menschen so im Alter zwischen 40 und 60 bilden eine Mehrheit bei uns. Es sind auch sicher mehr Frauen als Männer unter ihnen.

Stichwort TikTok und Co.: Warum fokussieren Sie sich auf Facebook?


Wir sind im Jahr 2016 gegründet worden. Das große Thema war damals die Flucht vieler Menschen übers Mittelmeer. Dazu gab es viele Kommentare auf Facebook. Also haben wir begonnen, diese einzuordnen und zu kommentieren. Heute hat Facebook 32 Millionen Nutzer*innen in Deutschland – mehr Mitglieder*innen als jeweils eine der beiden großen christlichen Kirchen. Facebook erreicht viele Menschen und Facebook ist eine wichtige Plattform für viele der reichweitenstarken Medien im Land. Wir sind mittlerweile auch auf Twitter aktiv Natürlich überlegen wir auch, ob wir zu zusätzlich Instagram und weiteren Plattformen gehen wollen. Aber der Aufbau einer starken Community braucht Zeit und ohne diese können wir nicht erfolgreich gegen Hetze auf der jeweiligen Plattform vorgehen. Unsere Gruppe auf Facebook zeigt uns, wie viel Pflege eine solche Community braucht. Mehr können wir derzeit nicht leisten.

Welche Bedeutung hat die Meinungsfreiheit bei Ihrer Arbeit?


Wir legen schon sehr viel Wert darauf, dass wir überparteilich sind, übergreifend und das, was wir als Klammer haben, ist der Boden des Grundgesetzes. Ich denke, der entscheidende Punkt ist, dass persönliche Angriffe im Netz Menschen dazu bringen können, sich aus sozialen Netzwerken zurückzuziehen. Wir wissen aus Untersuchungen vom Institute for Strategic Dialogue, dass hinter den Hasskommentaren nur fünf Prozent der Nutzer*innen stecken. Das heißt, dahinter verbirgt sich also auch eine gezielte Strategie und nicht das Bild vom etwas verärgerten und angetrunkenen Menschen, der da jetzt mal seine Meinung herausbläst. Stattdessen glauben wir, dass gezielt dafür gesorgt wird, dass sich Menschen aus der Öffentlichkeit zurückziehen und damit gehindert werden, ihre Meinung zu äußern. Das Problem ist ja nicht, dass wir verschiedene Meinungen haben. Man sollte sie äußern dürfen aber so, dass der oder die andere nicht daran gehindert wird, weiterzusprechen.

Seit fast fünf Jahren gibt es „Ich bin hier“ bereits. Wie haben sich die Themen und der Tonfall im Netz in dieser Zeit verändert?


Auch dazu erheben wir keine Daten. Aber wir haben schon den Eindruck, dass sich die gesellschaftliche Debatte verändert, und es sind Themen dazugekommen. Nehmen wir nur mal Corona oder die Auseinandersetzung mit falschen Nachrichten, mit Fake News, aber auch so eine Frage: Wie wird der Wahlkampf gestaltet? Das waren Themen, die standen vor fünf Jahren noch nicht im Vordergrund. Wir merken aber auch, dass sich das Verhalten, dass Menschen im Netz an den Tag legen, unabhängig von den Themen entwickelt. Denken Sie zum Beispiel an Unfälle und Rettungsgassen. Noch vor ein paar Jahren hat da kein Mensch drüber geredet oder zumindest in unserer Gesellschaft haben wir gedacht: Es ist klar, dass man Rettungskräfte nicht behindert. Inzwischen wissen wir, dass es nicht mehr so ist. Und das sind nicht nur ein, zwei Leute, sondern da haben sich die Mengenverhältnisse verändert. Wir wissen auch von Menschen, die in der Corona-Zeit Facebook verlassen haben und sich jetzt verstärkt auf Messenger-Plattformen organisieren. Vor fünf Jahren hätten wir auch nicht gedacht, dass ein amerikanischer Präsident von einer Plattform gesperrt wird. Das ist ja auch so eine Debatte, ob es gut ist oder nicht, dass diese Plattformen die Macht haben, Menschen tatsächlich auszuschließen. Aber auch: Welche geschäftlichen Interessen haben diese Plattformen? Wie beeinflussen sie zum Beispiel die Entwicklung junger Menschen? Ein sehr aktuelles Thema gerade in der letzten Woche.

Welche Rolle spielen Plattformen wie Facebook Ihrer Meinung nach bei Hass und Hetze im Netz?


Was uns als Initiative auch wichtig ist, dass die Plattformen und Medien aufhören, sich gegenseitig die Verantwortung zu zuschieben für das, was da passiert. Bei Facebook heißt es: ‚Wie sollen wir Beiträge löschen, wenn die Redaktionen keine Social-Media-Redakteur*innen haben, die ihre Seiten kontrollieren?‘ Wir haben heute eine Rechtsgrundlage, auf der Facebook sagen kann: ‚Wir schreiben es nicht, wir stellen es nur online.‘ Im Februar dieses Jahres wurde ein neues Gesetz gegen Rechtsextremismus und Hasskriminalität verabschiedet und viele Plattformen, nicht nur Facebook, sondern auch Google oder YouTube, haben dagegen Widerspruch eingelegt, weil sie nicht ihre Nutzer*innendaten preisgeben wollten. Wir wissen vom Justizministerium Hessen, mit dem wir als Initiative gut vernetzt sind, dass wenn sie Anzeigen nachgehen, von den Plattformen zu hören bekommen: ‚Unsere Anwält*innen richten sich nach amerikanischem Recht und danach müssen wir diese Daten nicht rausgeben.‘ Diese Fragen Welches Recht gilt? Was ist da Rechtsdurchsetzung? Wer ist Verursacher?, die beschäftigen inzwischen die Gerichte in einer Art und Weise, wie wir sie vor fünf Jahren auch noch nicht für möglich gehalten haben. Der Digital Services Act auf europäischer Ebene ist bislang auch nur ein Vorschlag und noch nicht in Kraft getreten, also da wird auch noch europaweit verhandelt. Das hat alles erst einmal nichts mit den Nutzer*innen zu tun, wohl aber mit Nutzer*inneninteressen, wenn wir uns das aus rechtlicher Sicht betrachten.

Mit „Ich bin hier“ setzen sich die Mitglieder*innen für digitale Zivilcourage ein. Was ist das überhaupt, und warum brauchen wir sie so dringend?


Wenn wir heute durch die U- oder S-Bahnen gehen, dann sind da immer diese Schilder, was man tun soll, wenn Frauen angegriffen werden. Den meisten Menschen ist doch klar, wenn jemand verprügelt wird, da kann man doch nicht einfach weggucken. Trotzdem sind diese Plakate da, weil Menschen eben doch weggucken, weil es ihnen auch Angst macht, weil sie sich fragen: Was soll ich jetzt tun? Diesen Impuls zu sagen ‚Ich muss ihm oder ihr helfen, auch wenn das nicht mein*e Nachbar*in ist‘, den gibt es in unserer Gesellschaft noch nicht so lange. Es ist also wichtig, Menschen immer wieder zu ermutigen, anderen zu helfen und das gilt auch für den digitalen Raum. Digitale Zivilcourage meint auch im Netz nicht wegzugucken. Es gibt auch hier Mittel und Wege, anderen zu helfen. Dafür muss man es nicht einmal mit Zwei-Meter-Riesen aufnehmen können. Es reicht der Tagesschau oder dem ZDF oder sonst wem zu schreiben: ‚Liebe Redaktion, wollt ihr nicht einmal auf eure Seite schauen und bei diesem oder jenen Kommentar eingreifen?‘

Was mache ich, wenn ich selbst von Opfer von Hasskommentaren im Netz werde?


Man sollte sich Unterstützung holen, also alleine dadurch, dass man mit anderen Menschen kooperiert oder dass man online fragt: ‚Findet ihr das alles richtig wie der*die schreibt?` Dadurch kann man Leute gewinnen, die ebenfalls kommentieren und sagen: ‚Nein, das ist nicht in Ordnung.‘ Wenn die Hass-Kommentare zunehmen, dann raten wir solche Nachrichten oder Kommentare zu melden. Dafür gibt es verschiedene Apps oder die Organisation Hate Aid. Man kann bei der Online-Wache eine Anzeige machen. Von den Staatsanwält*innen, mit den wir im Rahmen der Justiz-Kooperation zu tun haben, wissen wir, dass Nutzer*innen sich gar nicht sicher sein müssen, ob der Vorfall wirklich strafbar ist oder nicht. Die Staatsanwält*innen sagen: ‚Das ist unser Job, das zu prüfen. Also scheut euch nicht davor und macht eine Anzeige.‘

Sie sind Vorstandsmitglied im gleichnamigen Verein „Ich bin hier e.V.“ und fast seit Anfang an dabei. Was war Ihre persönliche Motivation?


Zu der Zeit, als sich die Initiative gründete, war ich gerade in Rente gegangen und ich hatte Zeit und war so ein bisschen am Aufräumen meiner Social-Media-Kanäle und habe überlegt, was ich löschen soll. Und beim Durchschauen bin ich durch Zufall auf einen Post von Dunja Hayali gestoßen. Die war in einen Shitstorm geraten und die Initiative hatte sie unterstützt. Dunja Hayali hatte darauf aufmerksam gemacht, dass es so eine Initiative gibt und so habe ich zum ersten Mal davon gehört und dachte: Ich muss mich in keiner Partei engagieren und kann mich dennoch politisch engagieren – in einer Sache, von deren Sinn ich überzeugt bin und sicher bin, dass sie dazu beiträgt, dass unsere Gesellschaft langfristig besser wird.