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JOURNALISM INNOVATORS PROGRAM

Ist weniger mehr? Ulrike Dobelstein-Lüthe über die re:publica 2022

von ULRIKE DOBELSTEIN-LÜTHE am 10.06.2022

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Nach zwei Jahren Pause strömen die Medienmenschen wieder zu ihrem großen Klassentreffen nach Berlin – zur re:publica. JIP-Leiterin Ulrike Dobelstein-Lüthe trifft viele bekannte Gesicht und freut sich vor allem über das Networking. Das vollgepackte Programm erschlägt dabei und wird teilweise zur Nebensache. Schade, dass nischige Themen gegen die Panels der großen Branchen-Player kaum eine Chance haben. Zu viel von allem – ist weniger bei einem solchen Event mehr?

„Any way the wind blows“ – das ist das Motto der re:publica 2022. Es ist eine Liedzeile aus dem Queen-Klassiker Bohemian Rhapsody. Olaf Scholz kommentiert die Zeile so: „Der Wind bläst der Gesellschaft brutal ins Gesicht.“ Er ist der erste Bundeskanzler, der eine re:publica besucht und fasst damit für die Besucher*innen die aktuelle Zeitenwende zusammen. Diese (be)trifft den Journalismus, vor allem aber auch die Gesellschaft.

Mediale und gesellschaftliche Herausforderungen diskutiert


Dennoch passen einige der Lyrics von Queen – so heißt es auf großen Plakaten: „Is this the real life?“ oder „No escape from reality“. Denn die Medienmenschen, nicht nur auf der re:publica, müssen immer mehr Herausforderungen bewältigen – auch gesellschaftliche. Das merkt man den Panels an. Viele soziale Themen werden auf den Podien abgehandelt. Hass und Hetze, Falschnachrichten, mangelnde Diversität, Diskriminierung, Krieg, Klimakrise . . . all das findet sich in den Diskussionsrunden wieder. Ein üppiges Programm – zu viel von allem?

Diesen Eindruck kann man schon gewinnen. Denn einige Panels bleiben leider an der Oberfläche. Außerdem hat man durchaus das Gefühl, das sich in den vergangenen zwei Jahren nicht wirklich viel bewegt oder entwickelt hat. WDR-Journalist Jörg Schönenborn diskutiert etwa verkrampft im Anzug über die Ambitionen der Öffentlich-rechtlichen, stärker die Zielgruppe der Gen Z anzusprechen. Dabei fällt er der Moderatorin Ellen Heinrichs mehrmals uncharmant ins Wort. Viel lernen die Zuhörer*innen dabei nicht – und auch Schönenborn selbst scheint nicht viel mehr über die Zielgruppe gelernt zu haben. Sonst wüsste er, dass diese Generation sehr viel Wert auf gegenseitigen Respekt, Wertschätzung und Kritikfähigkeit legt und er vor dem doch recht jungen Publikum in Berlin keine gute Figur macht.

Nischige Themen mit zu wenig Resonanz – schade!


Interessant ist, dass die Reihen bei Vertreter*innen der Öffentlich-rechtlichen sehr voll sind. Viele interessiert, was es Neues aus diesen großen Häusern gibt. Leider sind dafür bei wirklich spannenden Themen und sehr gut besetzten Panels weniger Menschen zu sehen. Zum Beispiel bei der Debatte zu „Let´s talk about queer media“, moderiert u.a. von DJF-Alumna Sonja Peteranderl. Ein starkes und wichtiges Thema mit zu wenig Resonanz. Schade.

Das Programm ist vollgepackt, die Konkurrenz zwischen den einzelnen Slots groß, da fallen nischige Themen leider durchs Raster, obwohl sie oftmals die stärksten Horizonterweiterer sind. Ein Phänomen, das sich durch die gesamte re:publica zieht. Vielleicht ist es auch an der Zeit, das Eventformat zu überdenken. Denn irgendwann ist das Aufnahmelevel jeder Besucherin und jedes Besuchers erreicht.

Eye-Opener: Kate Crawford über die Macht der Künstliche Intelligenz


Ein absolutes Highlight und ein Eye-Opener auf der re:publica ist der Vortrag von Kate Crawford. Die Forscherin hat sich in ihrem Buch "Atlas of AI" der Künstlichen Intelligenz gewidmet und beschäftigt sich mit den Auswirkungen von maschinellem Lernen – für die Umwelt, für den Arbeitsmarkt und damit auch für Menschen. Wenn es um Künstliche Intelligenz geht, sagt Crawford bei Zeit Online, solle statt über Ethik mehr über Macht nachgedacht werden.

Großes Klassentreffen, das gut tut

Alles im allem ist die re:publica wie eh und je ein großes Klassentreffen, das nach zwei Jahren Zwangspause sehr gut tut – auch mir. Viele bekannte Gesichter, der Austausch mit ehemaligen und aktuellen Fellows, das macht das Event aus. Dennoch bleibt der Wunsch nach mehr starken und auch kontroversen Inhalten. Vielleicht ein Ansatz für 2023!