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STUDIUM

Made auf Veddel - Wie mit Mode Integration gelingen kann

von CARMEN MECKE am 15.12.2015

Wie nur selten zuvor wird dieser Tage die Frage diskutiert, wie sich Migranten und Flüchtlinge in unsere Gesellschaft integrieren lassen, um ein friedliches Miteinander zu realisieren. Das Modeprojekt „Made auf Veddel“ zeigt, wie dieser Prozess mit viel Verständnis und Durchhaltevermögen gelingen kann.
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Sie war eine der ersten auf der Insel: Bereits 2008 gründete Sibilla Pavenstedt das Lable "Made auf Veddel"

Denkt der Hamburger an den südlich gelegenen Stadtteil Veddel kommt ihm vieles in den Kopf: ehemaliges Arbeiterviertel, siebzigprozentige Einwandererquote, sozialer Brennpunkt. Auf die Idee, sich in die S-Bahn zu setzen und die zwei Stationen vom Hauptbahnhof auf die andere Seite der Elbe zu fahren kommt er nicht. Veddel ist weit weg. Ein anderes Hamburg.


Davon, dass sich der Blick auf die Veddel umso mehr lohnt, überzeugte uns in unserer Gastgesprächreihe Sibilla Pavenstedt, international bekannte Modeschöpferin und Initiatorin des seit 2008 bestehenden Integrations- und Modeprojekts „Made auf Veddel“.


Das Projekt, das mittlerweile durch einen Verein und eine gemeinnützige GmbH getragen wird, hat ein einfaches Konzept: Den Migrantinnen wird angeboten, Strick- und Nähkurse zu besuchen. Dort erlernen und verfeinern sie ihre meist schon überdurchschnittlich guten Handarbeitsfähigkeiten. Viele der Teilnehmerinnen sind in der deutschen Sprache noch nicht zu Hause. Um dies zu ändern, erfolgt der Austausch untereinander auf Deutsch.


Sobald die Frauen eigenständig eigene Kleidungsstücke wie Schals und Kleider, aber auch Dekorationsstücke wie behäkelte Weihnachtskugeln herstellen können, werden sie bei „Made auf Veddel“ festangestellt und können Geld verdienen. Für viele der Frauen ist dies eine der wenigen Möglichkeit, neben ihren familiären Verpflichtungen an Selbstständigkeit zu gewinnen. Wo sie ihrer Arbeit nachgehen, ob im Atelier des Projekts oder zu Hause, bleibt ihnen selbst überlassen. Die Stücke werden anschließend im Atelier sowie in ausgewählten Läden verkauft. Besonders im Mittelpunkt steht dabei die Einzigartigkeit des Produkts. Bevor es zum Verkauf angeboten wird, wird in jedes Stück der Name der Frau eingenäht, die es hergestellt hat.


Für sie selbst sei es ein Vorstoß in ein vollkommen unbekanntes Terrain gewesen, erläutert Pavenstedt das Projekt, das sie im Laufe der Jahre vieles gelehrt habe. Vor allem Geduld, Durchhaltevermögen und ein Gespür für die Zwischentöne im Dialog zwischen den Kulturen zu entwickeln. Der Weg dorthin sei nicht immer leicht gewesen.


Zu den wiederkehrenden Problemen, mit denen sie sich regelmäßig hat auseinandersetzen müssen, gehörte es, dass die Ehemänner mit der Anerkennung, die ihre Frauen plötzlich aus ihrer Umgebung erfuhren, nicht umgehen konnten. Die Konsequenz war häufig das Verbot, das Projekt weiterhin zu besuchen. Es hat oftmals viel Überzeugungsarbeit gekostet, doch bisher hat noch keine der Frauen, die von Anfang an dabei sind, aufgehört, erzählt Pavenstedt nicht ohne Stolz. Besonders freut sie sich auch darüber, dass das Projekt den Frauen von der Veddel die Möglichkeit gibt, sich in die deutsche Arbeitswelt zu integrieren und von dort aus eigene Wege zu gehen. So hat sie auch die Organisation des Ateliers Stück für Stück in die Hände der Frauen übergeben.


„Made of Veddel“ hat mittlerweile 15 festangestellte Frauen verschiedenster Nationalitäten. Der Verein finanziert sich über Spenden sowie die Verkaufserlöse. Mittlerweile trägt er sich selbst, ein Erfolg, „den man am Anfang nicht hätte erahnen können“, so die Designerin. Als Erfolgsfaktoren benennt sie neben der Einzigartigkeit der Produkte auch die Transparenz der Herstellung: sämtliche Kosten, vom Personal bis zu den hochqualitativen Materialien, werden aufgezeigt. Eine Besonderheit in der Modeindustrie, in der auch Luxusroben schon einmal in den Slums von Bangladesh gefertigt werden. Diesem Trend will Pavenstedt entgegen wirken und schafft mit diesem Statement gleichzeitig auch einen moralischen Kaufanreiz für ihre Kundinnen.


Doch damit nicht genug: Erst Anfang November präsentierte „Made auf Veddel“ sein bisher größtes soziales Kunstwerk: den Weltschal. Dabei handelt es sich um einen riesigen Schal aus den Flaggen von 207 Nationen. Für die handgestrickten Flaggen konnten Unternehmen im Vorfeld der Enthüllung des Projekts am Hamburger Rathaus Patenschaften übernehmen. Insgesamt kamen so 50.000 Euro zusammen. Mit dem Geld soll ein neues Projekt in Wilhelmsburg angestoßen werden, dass sich explizit für die Integration von Flüchtlingen einsetzt.