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DIGITAL JOURNALISM

Mehr über Lösungen berichten – Speakerin Nina Fasciaux freut sich auf den Austausch

von RONJA RABE am 09.11.2020

Nina Fasciaux

Morgen ist es soweit! Der Constructive Journalism Day 2020 von NDR Info und dem berufsbegleitenden Masterstudiengang „Digitaler Journalismus“ der HMS findet erstmals als Online-Event statt. Wir haben die bekannte Speakerin Nina Fasciaux vorab zum Interview getroffen und mit ihr über ihren Job beim Solutions Journalism Network und Lösungsjournalismus im Allgemeinen gesprochen.

Nina, du bist Journalistin und Managerin für das Solutions Journalism Network in Europa. Stelle dich und deine Arbeit doch einmal vor.

Das Solutions Journalism Network ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in den USA. Zwei Reporter*innen der New York Times haben es gegründet. Sie wollten mehr über Lösungen sozialer Probleme im Journalismus lesen und eben selbst mehr entsprechend berichten. Ich leite das Netzwerk in Europa seit vier Jahren und unterstütze Journalist*innen und Medienfachleute bei ihrer Umsetzung der Idee des Lösungsjournalismus.

Worin unterscheiden sich Lösungsjournalismus und konstruktiver Journalismus, der das Oberthema des Constructive Journalism Days 2020 ist?

Beide reagieren auf das gleiche Problem: Das Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber der Medienbranche wächst und auch das Gefühl übermäßiger Negativität in den Nachrichten im Allgemeinen. Das lässt das Publikum immer öfter abschalten. Ich denke, Lösungsjournalismus und konstruktiver Journalismus versuchen beide, dies anzugehen und sich zu ergänzen. Ersterer konzentriert sich mehr darauf, wie man rigoros über Antworten auf Probleme berichtet (und daraus lernt), während konstruktiver Journalismus einen viel breiteren Wunsch nach Veränderung hat, die Nachrichtenkultur im Allgemeinen zu verbessern. Lösungsjournalismus ist eigentlich als Teilbereich des konstruktiven Journalismus zu sehen.

Hast du ein Beispiel?

Wenn man Covid-19 betrachtet, besteht der Lösungsjournalismus darin, darüber zu berichten, wie sich Gesellschaften organisieren, um auf die Pandemie zu reagieren: Was verhindert die Ausbreitung des Virus, wer hat es am besten geschafft, den am stärksten gefährdeten Personen zu helfen und ähnliche Fragestellungen. Konstruktiver Journalismus besteht aber auch darin, die Drama-Rhetorik abzuschwächen, indem Journalist*innen Sachverhalte in Kontext setzen und entsprechend berichten.

Was können die Teilnehmenden am Dienstag von deiner Keynote „Solutions Journalism: How to reconnect with a disengaging audience?“ erwarten und was sind deine Erwartungen an den Constructive Journalism Day?

Ich spreche über die Art und Weise, wie man mit dem Publikum in Austausch tritt, denn die ist im Lösungsjournalismus wirklich wichtig. Es ist eine großartige Gelegenheit für Nachrichtenagenturen, ihr Publikum zu fragen: Was interessiert Sie wirklich? Was ist derzeit das dringlichste Problem für Sie? Journalisten kennen die Antworten auf diese Fragen oft nicht. Wir müssen den Bürger*innen die Möglichkeit geben, ihr Problem selbst zu definieren, so wie sie es in ihrem Leben erleben. Dann können wir in Betracht ziehen, dass das Publikum den Journalist*innen hilft, die Antworten auf die Probleme zu finden, um die sie sich am meisten Sorgen machen. Denn wie David Bornstein, Mitbegründer des Solutions Journalism Network, sagt: Probleme schreien, aber Lösungen flüstern. Sie sind meistens anonym - weil sie unerzählte Geschichten darüber sind, was funktioniert. Und last but not least ist es für Nachrichtenredaktionen eine großartige Gelegenheit, sich intensiver mit ihrem Publikum zu befassen, indem sie Konferenzen organisieren, bei denen die Menschen über berichtete Lösungen debattieren. Dies ist nicht nur eine großartige Möglichkeit, die Ergebnisse als Potenzial für den sozialen Wandel zu nutzen, sondern auch zu sehen, ob die Berichterstattung der richtige Weg für ihre Gemeinde ist.

Worauf freust du dich am meisten beim Constructive Journalism Day 2020?

Lösungsjournalismus wird oft als rein positive Nachrichten missverstanden. Ich denke, Journalist*innen müssen sehr vorsichtig sein, wenn sie über soziale Innovationen oder Antworten auf Probleme im Allgemeinen berichten: Lösungsjournalismus ist eine Frage der Präzision, der Gerechtigkeit und des Gleichgewichts, nicht nur einer anderen Sichtweise. Ich möchte von Kolleg*innen aus Deutschland lernen! Ich liebe diese Möglichkeit, Visionen und Erkenntnisse auszutauschen. Journalist*innen sollten im Allgemeinen mehr Wissen länderübergreifend austauschen.

Zur Person:

Nina Fasciaux ist Journalistin und Managerin des Solutions Journalism Network in Europa. Sie lebt in Frankreich und ist Autorin des Buchs „Sailing for Future“ einer Weltreise durch Low-Tech-Lösungen für Grundbedürfnisse. In verschiedenen Ländern von Palästina bis Dänemark hat sie Journalist*innen zum Thema Lösungsjournalismus geschult.