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DIGITAL JOURNALISM FELLOWSHIP

Das Crowdstudio

von LALON SANDER am 30.07.2020

Sander Lalon

Ein neues Community-Projekt der taz verbindet Instant Messenger, Podcasts und Social Media. Für die Entwicklung war Erlerntes aus dem Digital Journalism Fellowship entscheidend.

VON LALON SANDER und ANNA BÖCKER

Bei „taz vorgelesen“ bekommen die Autor*innen der Zeitung ihre ganz eigenen Stimmen: Leute, die den Text so toll finden, dass sie ihn vorlesen und teilen wollen. „taz vorgelesen“ ist ein Community-Projekt, entwickelt für und mit Leser*innen der taz und besteht inzwischen aus einem Messenger-Kanal, einem eigenen Podcast und einem neuen Format auf dem Instagram-Kanal
der taz, das inzwischen viele Fans gefunden hat.

Im Frühjahr, zu Beginn der Coronapandemie, schrieb der taz ein Leser, dass er gerne Texte für seinen isolierten Vater per Sprachnachricht einsprechen wollte – ob Interesse an einem größer angelegten Projekt bestünde? Wir waren aufgeschlossen, aber unsicher. Unsere Messengerkanäle waren erst am Anfang, würden wir da genügend Leute zusammenbekommen, um den Aufwand zu rechtfertigen? Und: Wie organisiert man überhaupt Leser*innen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, dass ein nutzbares Produkt dabei rauskommt?

Wir entschieden uns, es auszuprobieren. Dabei griffen wir auf Wissen und Fertigkeiten zurück, die Lalon im Digital Journalism Fellowship gesammelt hatte, bei der Workshops zu Produktentwicklung, Design Thinking und Entrepreneurial Journalism im Programm waren. Die Seminare hatten unterschiedliche Schwerpunkte, gemeinsam war ihnen aber der Ansatz, neue Ideen systematisch auszuprobieren, Nutzer*innen einzubinden, aber auch rigoros auszuwerten, ob der Versuch erfolgreich war, modifiziert werden musste – oder eben gescheitert war.

Feedback vom Publikum, schnelles Prototyping und ständige Weiterentwicklung haben so die letzten Wochen und Monate geprägt. Zunächst fragten wir die Community selbst, ob Interesse an einem Audiokanal bestünde. In unserer Umfrage erfuhren wir: Nicht nur waren mehrere Hundert Menschen auf Anhieb an einem solchen Kanal interessiert, es gab auch gut zwei Dutzend Menschen, die vorlesen wollten.

Schon zehn Tage nach der Mail des Lesers ging unser Telegram-Kanal an den Start, in dem Nutzer*innen die vorgelesenen Texte miteinander teilen sollten. Zur Sicherheit hatten wir bereits einige Text-to-Speech-Systeme getestet: Wenn es schwer sein sollte, Vorleser*innen zu finden, würde eine Roboterstimme übergangsweise einen Text täglich anbieten. Das war nicht nötig, denn die Leser*innen der taz waren mit viel Engagement dabei. Schon nach wenigen Tagen lasen ein Dutzend verschiedene Stimmen Texte aus der taz vor.

Die erste Umfrage ergänzten wir mit Feedback von sehbehinderten und blinden Menschen, die sich auf Facebook organisiert hatten. Unserem Ideengeber war es darum gegangen, Barrieren für Menschen abzubauen und wir wollten wissen: Hat das unser Kanal getan? Das Feedback war deutlich: Nette Idee, aber im Messenger schlecht aufgehoben, da die App für sehbehinderte Menschen schlecht zu navigieren war. Besser wäre ein Podcast.

In den nächsten Wochen erschlossen wir also neue Plattformen für das wachsende Vorleseprojekt. Mit den neuen Podcast-Redakteur_innen der taz entwarfen wir die Idee eines eigenen Podcasts, während Anna im Social Team vorgelesene Texte als Audiogramme präsentierte: Die Audiodateien werden dabei mit einem thematischen Standbild gemeinsam als Video zusammengestellt und in den Social Media Kanälen der taz veröffentlicht.

Nach anfänglichem Zögern fanden beide Neuerungen ebenfalls ein eigenes Publikum. Inzwischen ist „taz vorgelesen“ stark angewachsen. Mehr als 600 Texte sind in gut vier Monaten vorgelesen worden, im Schnitt fünf am Tag. Den gut einem Dutzend sehr unterschiedlicher Vorleser_innen lauschen auf den unterschiedlichen Plattformen mehrere Hundert bis mehrere Tausend Menschen – einzelne Texte finden ein fünfstelliges Publikum.

Das agile Vorgehen – Aspekte des Projekts schnell prototypisch an den Start zu bringen, auszutesten und gegebenenfalls zu modifizieren – hat sich bewährt. Die Roboterstimme kam nie zum Einsatz außer im ersten Text des Kanals, wo sie noch immer zu finden ist. Bestanden die ersten Podcast-Folgen noch aus einer wöchentlichen Sammelfolge mit mehreren Texten, sind es nun mehrere kürzere Einzelfolgen pro Woche. Wir lernten, dass Nutzer_innen auf Instagram viel eher unseren Audiogrammen lauschten, als beispielsweise auf Facebook.

Das Projekt bedeutet für uns in vielerlei Hinsicht näher an der taz-Community zu sein und zu lernen, wie fließend der Übergang zwischen Sender und Publikum ist. In dem Projekt sind die Rollen vertauscht: Die Leser_innen wählen aus, welche der vielen taz-Texte im „vorgelesen“-Kanal erscheinen und setzen ihre eigenen Akzente. Viele Vorleser_innen sind selbst Podcaster_innen und geben uns wertvolle Tipps.

Und das Engagement kommt auch in der taz an. „Ich liebe es wieviel Enthusiasmus die Community mitbringt“, schrieb uns ein Kollege. Und auch uns macht es viel Spaß.