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WEITERBILDUNG / MEDIA INNOVATION PROGRAM

Interview mit Stephanie Reuter

von KRISTINA KABA am 06.01.2022

Stephanie reuter

Nicht nur Politiker*innen stehen in der Corona-Pandemie immer wieder in der Kritik. Auch die Berichterstattung der Medien sorgt regelmäßig für hitzige Debatten. Zu Recht? Im Auftrag der Rudolf Augstein Stiftung haben Wissenschaftler*innen der Universitäten Mainz und München mehr als 500 Nachrichtenbeiträge über Corona-Themen analysiert. Ihre Erkenntnisse sind in der Studie „Einseitig, unkritisch, regierungsnah?“ nachzulesen, die bereits am 8. November 2021 veröffentlicht worden ist. Ob die Vorwürfe stimmen und zu welchen weiteren Ergebnissen die Forscher*innen gekommen sind, darüber sprechen wir im JIP:Interview mit Stephanie Reuter, Geschäftsführerin der Rudolf Augstein Stiftung.

„Einseitig, unkritisch, regierungsnah?“ – das ist nicht nur der Titel der Untersuchung, die die Rudolf Augstein Stiftung in Auftrag gegeben hat, sondern fasst zugleich zusammen, was Kritiker*innen den Medien in der Corona-Pandemie im Wesentlichen vorwerfen. Mit Blick auf die Studie: Stimmen die Vorwürfe?
Der Titel ist pointiert und provokant. Die Studie selbst kommt zu differenzierten Ergebnissen: Einseitig war die Berichterstattung der untersuchten Nachrichtenmedien insofern, als dass vor allem zu Beginn ein klarer Fokus auf medizinischen Expert*innen lag. Kein Wunder bei einer Pandemie. Doch wäre eine größere Vielfalt wünschenswert gewesen, um beispielsweise stärker zu thematisieren, wie sich Pandemie und Eindämmungsmaßnahmen auch in Bereichen wie Wirtschaft, Soziales, Bildung, Kultur auswirkten. Den Vorwurf, die Medien seien der Regierung gegenüber unkritisch gewesen, entkräften die Forscher hingegen. Die Bewertung der politischen Kompetenz fiel zu 70 Prozent negativ aus. Die untersuchten Medien bemängelten vor allem, dass die Corona-Maßnahmen nicht hart genug ausfielen oder zu spät kamen. Gleichzeitig gaben sie sich aber auch regierungsnah: Sie plädierten – ähnlich wie die Politik – überwiegend für harte Maßnahmen und orientierten sich dabei an dem, was sie als wissenschaftlichen Konsens ausmachten. Diese warnende Haltung ließe sich als einseitig bezeichnen. Die Forscher weisen allerdings darauf hin, dass die Einseitigkeit nur als problematisch bewertet, wer die Pandemie als eher ungefährlich oder die Maßnahmen als übertrieben einstuft. Die Affinität zu Vorsicht ließe sich auch als Ausweis von Rationalität, Wissenschaftsorientierung und hoher Qualität bewerten. Diese Bewertung lässt das Forscherteam absichtlich offen.

Was sind die weiteren zentralen Ergebnisse, zu denen die Forscher*innen kommen?

Zwischen der Intensität der Medienberichterstattung und der Intensität des Infektionsgeschehens bestand ein eher loser Zusammenhang. Der Höhepunkt der Berichterstattung lag in der ersten Welle. Dabei fielen die Infektionszahlen – und auch die Anzahl der Todesfälle – in der zweiten und dritten Welle deutlich dramatischer aus.

In puncto Vielfalt zeigte sich bei den in der Berichterstattung erwähnten Akteur*innen eine starke Konzentration auf Politiker*innen. Mit etwas Abstand folgten Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen, die in der Pandemie deutlich häufiger zu Wort kamen als in vorangegangenen Krisen. Betroffene hingegen erhielten sehr selten mediale Aufmerksamkeit. Interessant ist auch, dass in der ersten Welle noch verhältnismäßig häufig über die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie berichtet wurde, letztere im weiteren Verlauf jedoch kaum noch Beachtung fanden. Soziale und bildungsbezogene Auswirkungen wurden über die gesamte Zeit kaum thematisiert.

Positiv unterstreicht die Studie, dass alle untersuchten Medien überwiegend sachlich berichteten. Wenig verwunderlich: Die Tagesschau führt das Feld an, wohingegen die ARD Extras am schlechtesten abschnitten.

Enttäuschend ist, dass die untersuchten Medien die Unsicherheit wissenschaftlicher Prognosen kaum vermittelten. Gleichzeitig wurden Wissenschaftler*innen im Nachhinein für ihre nicht eingetretenen „Behauptungen“ verantwortlich gemacht.

Mit Blick auf die analytische Qualität zeigt sich, dass die Daten zum Pandemiegeschehen lediglich in knapp der Hälfte aller Fälle kontextualisiert wurden; dies vor allem über Zeitvergleiche. Gegenüberstellungen zu anderen Krankheiten oder Todesraten kamen nur selten vor.

Im Auftrag der Stiftung führten Kommunikations- und Medienforscher*innen der Universitäten Mainz und München die empirische Studie durch. Wie sind sie vorgegangen? Was wurde untersucht?

Das Forscherteam untersuchte die Qualität der Corona-Berichterstattung elf deutscher, reichweitenstarker Leitmedien im Zeitraum von Januar 2020 bis April 2021. Darunter waren sieben Online-Nachrichtenangebote (von FAZ über SZ bis zu BILD) und vier Fernsehnachrichten-Formate von ARD, ZDF und RTL. Die Wissenschaftler*innen werteten mithilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse mehr als 5000 Beiträge in Bezug auf die Dimensionen Relevanz, Vielfalt, deskriptive sowie analytische Qualität aus.

Der Fokus lag auf folgenden Fragestellungen:

  • Relevanz: Entsprach die Intensität der Berichterstattung der tatsächlichen Bedeutung der Pandemie?
  • Vielfalt: Welche Akteur*innen und unterschiedlichen thematischen Aspekte der Pandemie kamen in der Berichterstattung vor?
  • Deskriptive Qualität: Wurde sachlich sowie neutral über das Geschehen berichtet und wurden Sachverhalte angemessen sowie ausgewogen dargestellt, sodass eine sachgerechte Meinungsbildung der Rezipient*innen möglich war? Zudem: Wie wurden die Informationen eingeordnet?
  • Analytische Qualität: Hier ging es vor allem um die Frage, ob die pandemischen Zahlen mit jenen anderer Länder oder Krankheiten verglichen wurden. Und in welchem Umfang auch medizinische, psychosoziale und ökonomische Folgen der Pandemie Aufmerksamkeit in der Berichterstattung erhielten.

Die Medien schneiden in der Studie nicht schlecht ab. Etwa drei Viertel der Befragten halten die Berichterstattung für glaubwürdig. Ein „klar negatives Urteil über die von ihnen genutzten Medien“ gaben nur 20 Prozent ab. Warum ergibt sich im öffentlichen Diskurs dennoch oft der Eindruck, die Medien stehen allseits in der Kritik?
Erfreulich ist in der Tat, dass sowohl unsere als auch andere Studien ein gestiegenes Vertrauen in die mediale Berichterstattung während der Pandemie konstatieren. Ich empfehle in diesem Zusammenhang auch die Mainzer Langzeitstudie „Medienvertrauen“. Wenn ein anderer Eindruck entsteht, könnte das auf subjektive Wahrnehmung (Bauchgefühl) zurückgehen oder darauf, dass man sich auf anekdotische Wahrheiten stützt anstatt auf belastbare Daten. Gerade deshalb sind Studien wie diese so wichtig: Sie erlauben, die Debatte zu versachlichen. Dazu wollten wir einen Beitrag leisten.

Untersucht wurden ebenfalls die Akteure der Berichterstattung. Mit 22 Einladungen in Talkshows scheint Karl Lauterbach das „Gesicht der Pandemie“ zu sein. Wie bewertet die Studie die Auswahl der Expert*innen, die im Untersuchungszeitraum in den Medien zu Wort kamen?

Keine Frage: Insgesamt hätte der Berichterstattung eine größere Vielfalt an Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichsten Disziplinen gutgetan. So war zunächst der Virologe Christian Drosten der mit Abstand bekannteste Experte in den Medien. Karl Lauterbach übernahm die Spitzenposition erst Anfang 2021. Interessant ist, dass unser Forscher*innenteam das nicht auf dessen virologische Expertise zurückführt. Vielmehr sei Lauterbach ein gern zitierter Experte gewesen, weil viele Medien dessen harte Linie im Kampf gegen die Pandemie gekannt und geschätzt hätten. Insgesamt waren laut Studie knapp die Hälfte aller Akteur*innen in der Berichterstattung Politiker*innen. Wissenschaftler*innen kamen mit etwa 20 Prozent jedoch immer noch verhältnismäßig häufig vor.

Ein Schlagwort, welches bereits seit der Berichterstattung zur Klimakrise immer wieder fällt, ist „false balance“, also eine verzerrte Darstellung in den Medien. Was glauben Sie, wie gerechtfertigt ist dieser Vorwurf in der Pandemie-Zeit? Lassen sich auch hierzu Rückschlüsse aus der Studie ziehen?

Die Frage ist eine sehr wichtige. Denn ein Nebeneinander von Fakten und unbelegten Meinungen sollte es nicht geben. Aufgabe des Journalismus ist es schließlich, Orientierung zu bieten. Und doch erleben wir aufgrund von Zeitdruck, mangelnder Sachkenntnis oder weil niemand ausgeschlossen werden soll, immer wieder diese falsche Ausgewogenheit. In diesen Fällen wäre es essenziell darauf hinzuweisen, für welche Behauptungen es Belege gibt und für welche nicht. Auf die Kontextualisierung kommt es also an. Unsere Studie zeigt erfreulicherweise, dass fundamentale Gegner*innen der Corona-Politik und Wissenschaftler*innen, die die Gefährlichkeit des Virus und der Pandemie prinzipiell abstritten, in den traditionellen Nachrichtenmedien kaum Gehör fanden.

Wie wichtig ist die Untersuchung journalistischer Arbeit? Braucht es mehr solcher Studien, nicht nur aber besonders in Zeiten von Corona?

Aus meiner Sicht ist sie zentral für die Qualitätsentwicklung. Ohne eine fachlich versierte Auseinandersetzung ist es schwierig besser zu werden. Die Medien spielen eine so wichtige Rolle in unserer Demokratie, dass wir die Qualitätsfrage viel stärker in den Blick nehmen sollten. In der Schweiz gibt es beispielsweise seit Jahren eine breit angelegte empirische Medienqualitätsforschung. Diese berücksichtigt sowohl die Produktionsseite als auch die Rezipient*innen-Sicht: Wie erreicht man diese, wie ordnen sie Qualität ein? Hier geht es nicht nur darum, auf Schwachstellen hinzuweisen. Auch positive Entwicklungen gilt es herauszustellen, sodass möglichst viele Redaktionen diese aufgreifen können. Denken Sie im Kontext der Pandemie beispielsweise an die sehr starke Rolle des Datenjournalismus.

Glauben Sie, dass diese aber auch andere Untersuchungen Medienkritiker*innen erreichen und/oder zu einem Umdenken führen können?

Das wäre wünschenswert. Was sie auf alle Fälle schafft, ist eine fundierte Grundlage zur Diskussion. Um diese zu befördern, haben wir flankierend zur Veröffentlichung eine Konferenz durchgeführt. Dort wurde deutlich, wie wichtig der Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis ist. Hier sollten wir viel mehr Brücken bauen und den Diskurs stärken.

Stephanie Reuter ist seit 2011 Geschäftsführerin der Rudolf Augstein Stiftung. Zuvor leitete die studierte Journalistin sowie Kultur- und Medienmanagerin die Geschäftsstelle des Instituts für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Sie arbeitete für die Nachrichtenagentur dpa, die Sender ZDF und SWR, die Robert Bosch Stiftung und die Stiftung Zollverein. Als Knight Visiting Nieman Fellow forschte sie 2017 an der Harvard University zu stiftungsfinanziertem Journalismus. Sie engagiert sich als Beiratsmitglied für den Bundesverband Deutscher Stiftungen, das Forum Gemeinnütziger Journalismus und für nextMedia.Hamburg – die Standortinitiative für die Hamburger Medien- und Digitalwirtschaft.